Kultur : "Mein anderes Leben": Paul Theroux spießt Erlebtes auf

Sylvia Meise

"Der Mann ist erfunden, aber die Maske ist echt. " So einfach erklärt der Reiseschriftsteller Paul Theroux seine Kurzgeschichten. Wie aber soll man das verstehen? Die Fiktion ist nie völlig von den Fakten abzukoppeln. Also streitet Theroux leidenschaftlich für die Ungebundenheit des Reisenden - und für das Familiennest. Theroux, der Vater von zwei Kindern, kennt beide Seiten: das Reisen und die Familie. Für seinen Roman "Abenteuer Eisenbahn" reiste er zum Beispiel per Bahn von London nach Tokio. Dass am Bahnhof Frau und Kinder zurückblieben, steht auch drin, und wenn er nun, gut zwanzig Jahre später, schreibt, nach dieser Reise sei in seiner Ehe nichts mehr gewesen wie vorher ("Ich war zu weit gegangen, ich war zu lange weg"), so kann das von der Wirklichkeit nicht weit entfernt sein. In 18 auch für sich lesbaren Kurzgeschichten entwirft Theroux das Leben, das hätte sein können, wenn... Und in guter englischer Short-Story-Tradition enden fast alle mit einer unerwarteten Pointe. Die Reise führt zunächst nach Afrika, dann heiratet der Protagonist. Mühsam ernährt er Frau und Kinder in Singapur mit Gartenarbeit und landet schließlich in London, wo er mit spitzer Feder Redakteure, Kritiker und Partyklatsch aufspießt. Er schreibt vom Schriftsteller- und Vateralltag und von Lesern. Darunter eine Frau, die sich in "Abenteuer Eisenbahn" beschrieben fand. Sie wirft ihm vor, Menschen wie Insekten aufzuspießen. Theroux hat kein Problem, das zuzugeben.

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