Kultur : Meine Krise, deine Krise

Theaterleute starten einen Notruf im Berliner Schiller Theater

Peter Laudenbach

Alte Theaterweisheit in Krisenzeiten: Der Jammerlappen muss hochgehen. Auf den Tag zehn Jahre nach Schließung des Berliner Schiller Theaters nutzen Theaterleute den Tag der deutschen Einheit, um die Finanz- und Legitimationskrise des deutschen Theatersystems bundesweit zu diskutieren. Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste hatte mit dem Bühnenverein auch in das leerstehende Schiller Theater gebeten. Motto: „Theaterland wird abgebrannt“. Damit war schon im Vorfeld die Tonart angeschlagen: Larmoyanz und routiniertes Pathos.

An großen – und ungenauen – Vokabeln lassen es die um die Zukunft des deutschen Stadttheaters besorgten Redner vor prominentem Publikum, darunter die Regisseure Alfred Kirchner und Hans Neuenfels sowie die Schauspielerinnen Jutta Lampe und Elisabeth Trissenaar, nicht fehlen. Michael Nauman, „Zeit“-Chefredakteur und früherer Kulturstaatsminister, bemüht im Rückgriff auf Schillers „Schaubühnen“-Rede die Idee einer ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts. Nur logisch, dass er mangelnde Schiller-Kenntnisse unter Kulturpolitikern und beim Pisa-geschädigten Publikum als eine Ursache der Notlage ausmachen will. Der Theaterhistoriker und frühere Frankfurter Intendant Günther Rühle dreht den Gedanken weiter. Da Rühle darunter leidet, bei Theaterbesuchen seine Klassiker nicht mehr zu erkennen, macht er einen bemerkenswerten Therapievorschlag: Wenn man die Theaterleute zwangsverpflichtete, Schillers Rede auswendig zu lernen, könnte dies dem Verfall der dramatischen Künste entgegensteuern. Etwa zu diesem Zeitpunkt ertappt sich der Beobachter bei dem Gedanken, dass eine Kunst, die solche Verteidiger hat, wohl kaum noch Feinde braucht.

Weil deutsche Theaterleute dazu neigen, ihre Probleme mit den Problemen der Welt zu verwechseln, hat auch die Globalisierungskritik ihren Auftritt: Der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel geißelt öffentliche Armut und privaten Reichtum. Mit den Problemen des Theaters haben seine Ausführungen zur Logik der Kapitalverwertungsinteressen indes höchstens indirekt zu tun. Und Hickels Hinweis, die Finanzkrise der Kommunen, die die Theater im wesentlichen tragen, sei unter anderem Folge der entfallenen Körperschaftssteuer, geht leider unter.

Erst zwei ausländische Theaterkünstler machen Schluss mit nebligen Grundsatzerklärungen. Eine in Paris lebende Tänzerin berichtet von den dortigen Streiks gegen existenzgefährdende Sparmaßnahmen. Ihre Analyse ist deprimierend: Die kulturelle Vielfalt drohe, vom Druck des Marktes nivelliert zu werden. Wenn Theater nur noch als Ware verstanden werde, bleibe nicht mehr allzu viel gutes Theater übrig. Aus einer anderen Perspektive blickt ein Regisseur aus Ungarn auf die Protestgemeinde im Schiller Theater: „Ihre Sorgen möchte ich haben“, hat er seinen kurzen Vortag überschrieben.

Ulrich Khuon, Intendant des Hamburger Thalia Theaters, holt die Debatte am Ende wohltuend auf den Boden der Tatsachen zurück. Nicht mit apokalyptischen Szenarien, sondern mit einer verhalten optimistischen Analyse reagiert er auf die schwieriger gewordene Lage der Bühnen. Wenn die Gesamtgesellschaft sparen müsse, könne und solle sich das Theater dem nicht entziehen. Dieses Sparen allerdings muss langfristig und nachhaltig organisiert werden – nicht mit schnellen, brutalen Schnitten, denen zum Beispiel das Schiller Theater zum Opfer gefallen ist. Ausgerechnet mit den Theateretats, die gerade lächerliche 0,2% der öffentlichen Haushalte ausmachen, die klammen Kommunen sanieren zu wollen – das kommt nicht nur Khuon absurd vor.

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