Kultur : Meine Kunst kriegt hier zu fressen

Bilder vom Krieg aus drei Jahrhunderten: Die Hamburger Kunsthalle zeigt Graphiken von Callot, Goya und Dix

Christian Schröder

Nur die Toten, schrieb schon Platon, kennen das Ende des Krieges. Bei Jacques Callot baumeln sie wie überreife Früchte an einem Baum. Goya zeigt sie in massakrierten Haufen mit aufgeschlitzten Bäuchen, eingeschlagenen Köpfen und abgeschnittenen Armen. Bei Otto Dix nistet schon wieder neues Leben in den Gebeinen der Gefallenen, Frühlingsblumen sprießen aus den leeren Augenhöhlen eines Totenschädels.

Callot, Goya, Dix: drei Künstler, drei Kriege. Jacques Callot begleitete als eine Art Hofberichterstatter die Truppen des französischen Königs im Dreißigjährigen Krieg, statt die Ehre der Soldaten zu rühmen, hielt er lieber das Elend fest, das sie über das Land brachten. Francisco Goya musste miterleben, wie der spanische Befreiungskrieg gegen Napoleon in einer Gewaltspirale eskalierte, an deren Ende die Unterdrückten genauso blutbesudelt da standen wie die Unterdrücker. Und Otto Dix zog als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg, wie durch ein Wunder überlebte er die Hölle des Stellungskampfes vor Verdun.

„Callot, Goya, Dix: Krieg“, lautet der Titel einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle, die zum ersten Mal die drei Graphikzyklen in einem deutschen Museum nebeneinander stellt, mit denen die Künstler ihre Traumata verarbeitet haben. Die gut 100 Blätter, in einer nüchternen Inszenierung entlang weißer Wände aneinandergereiht, haben längst ihren Platz in der Kunstgeschichte. Zu Beginn eines Jahres, in dem der Countdown für einen neuen Krieg gegen den Irak abläuft, sind sie wieder hochaktuell. Als „Beitrag zur Debatte“ will Christoph Heinrich, Leiter der Galerie der Gegenwart, die Ausstellung verstanden wissen, die innerhalb von vier Wochen aus eigenen Museumsbeständen zusammengestellt wurde. Dass die Kriegsgraphiken in seinem Haus – O. M. Ungers’ würfelförmigen Neubau für die Kunst der Jetztzeit – gezeigt werden, statt zwischen den Alten Meistern des Stammgebäudes zu hängen, sei „Geste genug, wie drängend das Thema ist“. Tatsächlich fällt es schwer, weiter an den zivilisatorischen Fortschritt zu glauben, wenn man diese Bilder gesehen hat. Der Krieg ist im 20. Jahrhundert – das belegt der Vergleich von Dix mit Callot – genauso barbarisch wie im Barock. Nur der Materialverbrauch – vor allem des Materials Mensch – ist gestiegen.

Callots „Große Kriegsfolge“, 1633 gedruckt, schildert die Eroberung Lothringens durch französische Truppen als reportageartige Forsetzungsgeschichte. In wessen Auftrag die 18 Radierungen entstanden, ist unbekannt, gedruckt wurden sie aber in einem Pariser Verlag mit dem Privileg Ludwig XIII. Zu sehen sind alle Stationen der Kampagne: die Aushebung der Truppen, eine Schlacht, die Plünderung eines Bauernhofes, die Zerstörung eines Klosters, schließlich die Bestrafung der Kriegsverbrecher und die Belohnung der Helden. Trotz ihrer Kleinformatigkeit sind die Blätter panoramaartig angelegt. In den wimmelig belebten Totalen verliert der Krieg manches von seinem Schrecken, das Grauen bleibt auf Distanz. Aber es gibt immer wieder Szenen, die von der Unmenschlichkeit des Menschen erzählen.

Bauern flehen auf ihren Knien vor den marodierenden Landsknechten um ihr Leben und werden trotzdem abgeschlachtet. Später sind es die Angehörigen dieser Soldateska selber, die zum Galgen geführt werden, wobei Ablass erteilende Priester bis zum letzten Moment um ihre Seelen ringen. Ein zeitgenössischer Gelehrter, der Abt Michel de Marolles, hat moralisierende Verse zu den Bildern verfasst, mit denen die göttliche Ordnung wieder ins Lot gerückt wird: „Nachdem sie manche schnöde Missetat begangen/Versuchte man mit Fleiß, die Schändlichen zu fangen/Schon tagt das Gericht, die Strafe wird entsprechen/Den allzulange verübten schrecklichen Verbrechen.“ Die Gegenüberstellung von gutem und schlechten Militär steht noch in der Tradition der Herrscherverklärung. Das letzte Bild zeigt Ludwig auf seinem Thron, seine Heerführer mit Lorbeer bekränzend.

Ein derartiges Happy-End fehlt bei Goya. Seine „Desastras de la Guerra“, an denen der schon greise Künstler um 1815 arbeitete, zeigen den spanischen Befreiungskrieg in schonungsloser Nahsicht. Zu seinen Lebzeiten konnten die Radierungen wegen der Zensur nicht erscheinen, ein Enkel fand die Druckplatten auf dem Dachboden und verkaufte sie an die Madrider Akademie der Künste, die den epochalen Zyklus 1863 erstmals auflegte. Der Krieg ist bei Goya ein großer Gleichmacher, die Mittel, mit denen gekämpft wird, entwerten jeden noch so gerechten Zweck, Täter und Opfer werden austauschbar. Auf einem Blatt machen uniformierte Franzosen zwei nur mit Messern bewaffnete Aufständische nieder. Ein Bild weiter werden diese Franzosen ihrerseits von Spaniern mit Äxten massakriert, darunter steht „Dasselbe“.

Das Aufbrechen des Gut-Böse-Schemas spiegelt die Zerissenheit Goyas, der Patriot war, als Verächter des Absolutismus jedoch gleichzeitig Anhänger der Französischen Revolution. Seine Haltung gegenüber dem Krieg lässt sich mit dem einen Wort zusammenfassen, das er unter das Bild eines gehängten Zivilisten schrieb: „Warum?“

„Meine Kunst kriegt hier zu fressen“, schrieb Otto Dix 1915 aus der Champagne nach Hause. Es war Neugier, die ihn als Freiwilligen gleich im August 1914 in den Krieg trieb. Diese emotionslose Kälte spricht auch noch aus den Blättern seiner Mappe „Der Krieg“, die 1924 bei der Berliner Galerie Nierendorf herauskam. Wie ein Forscher beugt sich Dix quasi mit der Lupe über seinen Gegenstand, er untersucht, was der Krieg aus der Natur und aus den Menschen macht. Die zerschossenen Felder bei Reims wirken wie Mondlandschaften, verwesende Leichen, in Drahtverhauen verheddert, formieren sich zu einem absurden Totentanz, ein Landser lehnt sich in einem Graben an ein Skelett und löffelt Suppe in sich hinein.

„Wer sich vor diesen Bildern nicht gelobt, Kriegsgegner zu werden, der ist wohl kaum mehr Mensch zu nennen“, lobte ein Kritiker den Zyklus 1924. Ein Missverständnis, denn als Pazifist hat sich Dix nie gesehen, nur als „Realist, der alle Untiefen des Lebens selber erleben muss“. Im Lauf des Krieges brachte der Künstler es bis zum Führer eines MG-Trupps. Ein Selbstporträt zeigt ihn 1916 mit heldisch gerecktem Kinn bei einem Angriff. Dix mag ein Zyniker gewesen sein, aber es war der Krieg, der ihn dazu machte.

Hamburger Kunsthalle, bis 16. Februar.

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