Kultur : Meine Sprache: Rechtschreibung ist gar nicht kuhl

Rudolf Walter Leonhardt

Wer sich in Deutschland mit Sprache beschäftigen will, kommt nach wie vor nicht darum herum, sich um die Große Rechtschreibungsreform und um die kleine Reform der Reform und um die Reformverweigerer zu kümmern. Wem Sprache wichtig ist, dem kann Schreibung nicht völlig unwichtig sein. Ein paar Bemerkungen müssen zuweilen erlaubt werden.

Diese hier stammt aus einem jener klugen Artikel, die das Basso continuo zum Thema Schreibung sind. Seinem Schreiber erschien das Wort "Rechtschreibung" nicht anspruchsvoll genug. Daher kommt in seinen Auslassungen etwa 23mal das Wort "Orthografie" vor.

Beide Bestandteile dieses Wortes kommen (wie mega und giga) aus dem Griechischen. Dort heißt "orthos" so viel wie "richtig" und "graphein" so viel wie "schreiben". Wer da meint, es sei schön und nützlich, den griechischen Ursprung sichtbar zu machen, der schreibt "Orthographie" (wie die Franzosen "orthographe" und die Engländer "orthography"). Wer hingegen glaubt, das theta und das phi seien unnötiger Ballast, da ja t und f genauso klingen wie ihre griechischen Vorgänger, der schreibe "Ortografie" (wie die Italiener "ortografia").

Mir fällt nichts ein, was den Zwitter "Orthografie" rechtfertigen könnte. Wer Schreiber und Leser durch das Schwitzbad immer neuer Reformen jagen will, sollte sich doch bitte vorher darüber klar werden, worum es ihm nun eigentlich geht: die Geschichte eines Wortes kenntlich zu machen oder die einfachste Buchstabenfolge zu verwenden, die eine annähernd richtige Aussprache möglich macht. Und was hätte dann "ortho", was "orto" nicht hat? Warum "phi", wo doch so viele Fotografien und Bibliografien das f an Stelle des phi schon beinahe heimisch gemacht haben.

Ich wäre dafür, beides gelten zu lassen, das theta und das t, das f und das phi - nur bitte nicht in dem gleichen Text oder gar in dem gleichen Wort gemischt. Das Diktat in der Schule würde freilich viele von seinen Schrecken verlieren, wenn auf einmal alles geht. Aber so ist es dann doch wieder nicht.

Allerdings muss ich warnen vor dem Versuch, die von Deutschen gebrauchten Wörter grundsätzlich so zu schreiben, wie sie ausgesprochen werden sollen. Je mehr unser globales Vokabular vom Englischen hergeleitet wird, desto mehr geraten wir in die Bredouille (Bredullje?). Unsere Junioren jedenfalls fänden das gar nicht "kuhl".

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