Kultur : Meine Sprache: Rudolf Walter Leohard über das Fremdwort "stolz"

Die Sprache kann uns lehren: Deutsche Geschichte fing nicht vor fünfzig Jahren an, auch nicht vor siebzig. Vor 1200 Jahren gab es die deutsche Nation schon. Sie konnte freilich nicht auf Deutschland stolz sein. 1. Weil sie noch Teil des Frankenreiches war. Und 2. Weil es das Wort "stolz" im Altdeutschen gar nicht gab.

"Estoutz" wurde am Anfang des 16. Jahrhunderts als Horror aller Teutschen, will sagen: als Fremdwort, aus Frankreich importiert. Im Mittelniederdeutschen erscheint es als "stolt". Dass es am Anfang vom lateinischen "stultus" herkommt, ist zwar nicht nachgewiesen, aber sehr wahrscheinlich. Noch heute heißt es ja bei den direkten Erben der Römer "stolto" und bedeutet "töricht". Genau das bedeutete es zunächst auch in Deutschland. Dazu gesellte sich dann bald die Bedeutung "hochmütig".

Es ist schon sonderbar, dass gerade Deutsche, die sich Christen nennen, den Stolz so hoch schätzen. Zu den christlichen Tugenden gehört er nicht. Die heißen, wie im Galaterbrief des Paulus nachzulesen ist: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gültigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit. Und im Psalm Davids steht: "Der seinen Nächsten heimlich verleugnet, den vertilge ich; ich mag den nicht, der stolze Gebärde und hohen Mut hat." Wo immer in Luthers Bibelübersetzung "Stolz" steht, ist Hochmut im abwertenden Sinne gemeint. Wer eher zum Buddhismus neigt, könnte sich die Weisheit des Brahmanen zu Eigen machen. Friedrich Rückert formulierte sie so: "Wer stolz auf Vorzug ist, fühlt irgendein Gebrechen, und wer sich brüsten mag, ist sich bewusst der Schwächen." Freilich halten sich auch die Gläubigen nicht immer an ihre heiligen Bücher. Tant pis.

Die Frage, um die das Theater der letzten Wochen gegangen ist, wurde jedoch schon vor 150 Jahren endgültig beantwortet: "Die wohlfeilste Art des Stolzes ist der Nationalstolz." Das stammt von Schopenhauer.

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