Kultur : "Meister der Darmstädter Passion": Gottessohn vor der Palastruine

Michaela Nolte

Nur wenige Werke des "Meisters der Darmstädter Passion" sind erhalten - und von einem seiner schönsten Altartriptychen fiel die zentrale Kreuzigungstafel 1983 im Spessart einem Feuer zum Opfer. Um so erfreulicher sind der Erhalt und die nun vollendete Restaurierung zweier Flügel des monumentalen Retabels in der Berliner Gemäldegalerie. Der anonyme Maler - benannt nach Passionsdarstellungen, die sich heute im Hessischen Landesmuseum Darmstadt befinden - zählte Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts zu den bedeutendsten Koloristen in Oberschwaben und am Mittelrhein. Die zweijährige Restaurierung bringt seine bestechende Lichtführung und die außergewöhnliche Farbnuancierung der vier um 1465 geschaffenen Tafelbilder wieder zum Vorschein. Die Beseitigung entstellender Retuschen und vergilbter Firnisschichten lassen Maria und das Christuskind in der "Anbetung der Heiligen Drei Könige" in anmutigem Porzellanweiß erstrahlen. Die bewegte und zugleich schwebend-entrückte Figurenschar huldigt dem Gottessohn vor einer surreal wirkenden Palastruine, die das Ende eines untergehenden Zeitalters symbolisiert. Der graugrüne, romanische Bau der linken Tafel wird rechts von einer rötlich schimmernden, gotischen Fassade kontrastiert. Entsprechend der Kreuzlegende übereignen Konstantin der Große und die Kaisermutter Helena das Heilige Kreuz am Portal einer im Wachstum begriffenen christlichen Kirche. In der Reihe "Bilder im Blickpunkt" widmet die Gemäldegalerie den spätgotischen Altarflügeln eine Sonderausstellung, die die Restaurierungsresultate anschaulich dokumentiert, und gibt die erste farbige Werkmonographie des "Malers des Lichtes" heraus.

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