Kultur : Meisterdiebe: Zuerst kaufen wir einen Schneidbrenner

Andreas Conrad

Ein Gangsterpärchen wie Bonnie und Clyde konnte Berlin bislang nicht bieten, auch zu einem Al Capone oder Dillinger hat es nicht gereicht. Hollywood hat es im Spezialgenre der Verbrecherbiografie leichter als die hiesige Filmindustrie. Obwohl man auch hierzulande findig war, wenn es darum ging, die Taten großer Ganoven ins Bild zu setzen.

Manchmal allzu findig, das lief dann hoppladihopp. Kaum war die Bank ausgeraubt, der Spitzbube gefasst, fiel schon die erste Klappe, so geschehen bei den Schmargendorfer Tunnelgangstern wie auch dem Bastler Dagobert. Da waren die "Engel aus Eisen", Thomas Braschs Film über die Gandow-Bande der Blockade-Zeit, schon von anderem Format, ebenso Frank Beyers "Der Bruch" über den Einbruch in den Haupttresor der Reichsbahn im November 1951. Und auch "Banktresor 713" von Werner Klingler ist hier zu nennen, der im Berlin der 50er Jahre angesiedelte Film über zwei Brüder, dargestellt von Martin Held und Hardy Krüger. Der Inhalt? Dazu ist im Titel das Nötige gesagt.

Damals dürfte noch jedem Kinogänger klar gewesen sein, auf wen der Film zielte, waren doch die Brandspuren an den aufgeschweißten Geldschränken fast noch warm, die Erinnerungen frisch: die Gebrüder Sass, die es im Berlin der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre zu einer kurzen, aber eindrucksvollen Karriere als "Meisterdiebe" gebracht hatten. Angesichts ihres fast legendären Rufes bleibt es erstaunlich, dass es so lange dauerte, bis Franz und Erich Sass endlich unmaskiert zu Filmehren gelangten. Jetzt aber ist es so weit: Vor wenigen Tagen begannen in Berlin unter der Regie von Carlo Rola die Dreharbeiten zu dem Film "Sass - die Meisterdiebe", bislang nur ein Arbeitstitel, aber kein schlechter. Die Besetzung ist dem Rang der Einbrecher ebenbürtig: Ben Becker spielt Franz Sass, den "Intellektuellen", Jürgen Vogel seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Erich, der als der "Handwerker" galt. Ihr Gegenspieler, der erfolglose Kriminalsekretär Max Fabich, wird von Henry Hübchen dargestellt, die Eltern spielen Otto Sander und Karin Baal. Weiter sind Jeanette Hain und Julia Richter dabei, für deren Rollen als Freundinnen es allerdings kein Vorbild gibt, außerdem Lars Rudolf, Traugott Buhre, Jockel Tschiersch und Robert Kreis.

Es ist das erste Kinoprojekt von Produzent Oliver Berben, dem Sohn der schönen Iris, und seiner Berliner Firma mit dem großen Namen Moovie - the art of entertainment GmbH. Gedreht wird bis Ende des Jahres in Berlin, Dortmund, Prag, Venedig und Köln, wo die Studioaufnahmen entstehen. Kinostart ist in einem Jahr.

Rund 14 Jahre währten Aufstieg und Fall der Sass-Brüder, da muss ein gut 90-minütiger Film auswählen, hier straffen, dort umbauen, das Leben der Leinwand anpassen. Oliver Berben bleibt denn auch vorsichtig, will das Dokumentarische nicht überbewertet sehen: "Die realen Brüder sind der Anhaltspunkt für den Film." Um die lange Zeitspanne in den Griff zu bekommen, wurden eben von den Drehbuchautoren Uwe Wilhelm und Holger Karsten Zusatzpersonen erfunden, die beiden Frauen etwa, wie der Produzent erzählt. Geblieben seien aber die Stationen des Lebens der Sass-Brüder, wie sie aufgewachsen sind, wo sie eingebrochen haben, wie sie gestorben sind. Geblieben ist auch das gesellschaftliche Umfeld, mit dem von Traugott Buhre gespielten Polizeipräsidenten Zörgiebel auf der einen und dem Ringverein "Immertreu" auf der anderen Seite des Spektrums. Letzterer, mit "Muskel-Adolf" an der Spitze und "Mollen-Albert" im Ehrenvorstand, war damals kaum weniger legendär als die Brüder und steht nun stellvertretend für diese Variante deutscher Vereinskultur, der der Familienbetrieb Franz und Erich Sass allerdings nicht angehörte.

Ein Ur-Berliner Stoff also, nur gestaltete sich ausgerechnet hier die Motivsuche schwieriger, als man erwartet hatte. "Originale Berliner Motive sind nur wenige übrig geblieben", berichtet Berben bedauernd. Immer wieder drängten sich an den Originalschauplätzen Neubauten ins Bild, die Sass-Wohnung in Moabit etwa habe man sich angesehen und sofort verworfen. Acht Jahre dauerten die Vorbereitungen, in jedem Jahr sei das Problem mit möglichen Berliner Drehorten schwieriger geworden. So muss nun also das heutige Prag für das Berlin der zwanziger Jahre stehen.

Genau genommen liegen die Anfänge des Films noch weiter zurück, in der Kindheit des Regisseurs Carlo Rola, in Erzählungen seines Vaters. Der war früher Banjospieler in einer Band, die sich "Hawaii Boys" nannte und zur Sass-Glanzzeit im alten "Wintergarten" an der Friedrichstraße auftrat. Dort verkehrten auch die flotten Brüder, und gerne erinnerte sich der alte Herr eines Abends, als diese im Varieté auftauchten, alle ihnen zu Ehren aufstanden, die Kapelle einen Tusch spielte und der Ansager sie wortreich begrüßte.

Den Beginn der Einbrecherkarriere von Franz und Erich Sass - Ekkehard Schwerk hat sie sehr unterhaltsam in dem leider vergriffenen Band "Die Meisterdiebe von Berlin" (Nishen-Verlag 1984) nachgezeichnet - wird man in der Weihnachtszeit 1926 ansetzen müssen. Da erwarben die beiden Brüder bei der Firma Fernholz, Potsdamer Straße 15 in Tiergarten, einen Schneidbrenner, ein besonders handliches, benzol-betriebenes Gerät. Die Polizei kriegte das schnell spitz, das Brüderpaar, noch wohnhaft in der elterlichen Wohnung Birkenstraße 57 in Moabit, war ohnehin kein unbeschriebenes Blatt. Amtliche Aufmerksamkeit störte die angehenden Schränker aber nicht im Geringsten, wie sich schon am 28. März 1927 zeigte: Einbruchversuch bei der Depositenkasse der Deutschen Bank in Alt-Moabit 129, also praktisch um die Ecke. Eine Anfängerarbeit, wie die Polizei rasch erkannte, technisch waren die Brüder noch nicht perfekt. Brauchbare Spuren - keine.

Auch ihre nächsten Versuche blieben ohne Erfolg: Dresdner Bank am Savignyplatz, Reichsbahndirektion am Schöneberger Ufer, Dresdner Bank an der Budapester Straße, Oberfinanzkasse des Landesfinanzamtes in Alt-Moabit. Man hatte die Brüder zwar auf dem Kieker, aber beweisen konnte man ihnen nichts. Im Januar 1929 dann das Meisterstück: Einbruch in den Tresorkeller der Disconto-Gesellschaft am Wittenbergplatz, Kleiststraße 23, Ecke Bayreuther Straße. Über einen Hinterhof waren die beiden Einbrecher ins Innere des Häuserkomplexes eingedrungen, hatten sich durch mehrere Türen entlang der Mauer der Silberkammer zu einem Luftschacht vorgearbeitet und dessen Mauer durchstoßen. Es folgte ein drei Meter langer Stollen unter dem Bürgersteig, fachmännisch ausgesteift mit Brettern und Bohlen, der an einem Lichtschachtgitter endete - ein Fall für den Schneidbrenner. Nur noch ein Ventilator trennte jetzt die Brüder vom Ziel, ein Stoß, und der Ventilator fiel in den Tresorkeller.

Die Anstrengung hatte sich gelohnt: Von 181 Kundensafes wurden 179 aufgebrochen und geplündert. Eine Goldader! Wie gehaltvoll sie wirklich war, wurde nie bekannt, offenbar mit Blick aufs Finanzamt gaben die Kunden vergleichsweise geringe Verluste an. Nur kleine Teile der Beute tauchten später wieder auf. Wieder hatte man die Brüder im Verdacht, nahm sie sogar in Untersuchungshaft - und musste sie wieder laufen lassen.

Damit hatte deren Karriere ihren Zenit allerdings überschritten. Der Versuch, auf dem Charlottenburger Luisenfriedhof ein Beutedepot anzulegen, wurde rasch aufgedeckt. 1933 setzten sich die Brüder nach Kopenhagen ab, gingen ihrem Metier nun dort nach, wurden entdeckt, festgenommen, zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Anschließend Auslieferung an Deutschland, erneuter Prozess, Verurteilung zu langjährigen Zuchthausstrafen, am 27. März 1940 Überstellung an die Gestapo. Am selben Tag kamen Franz und Erich Sass nach Sachsenhausen und wurden umgehend erschossen. Den Feuerbefehl erteilte Rudolf Höss, der spätere Kommandant von Auschwitz.

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