Kultur : Melancholie der Leere

CLAUDIA LENSSEN

Die Jüdischen Kulturtage bilden den Rahmen für mehrere Ausstellungen über jüdisches Leben in Wien und Berlin.Seit Oktober bereits zeigt die Sammlung Dachs unter dem Titel "SagÔ beim Abschied leise Servus ..." im Deutschen Historischen Museum Dokumente der Wiener Operettenkultur und deren Zerstörung im Dritten Reich.Hinzugekommen ist nun die kleine, aber reichhaltige Ausstellung "Intermezzo" in der Kunstbibliothek.Etwas abgelegen in einem Seitenraum des Foyers präsentiert sie Arbeiten von Wiener Künstlern, die zwischen 1890 und 1933 in Berlin lebten und zur Metropolenkultur beitrugen.Entsprechend den Sammlungsschwerpunkten der Kunstbibliothek sind Plakate, Bühnenbild- und Kostümentwürfe, Programmhefte, Zeitschriften, Bücher, Architekturzeichnungen und Fotografien der Wiener Mode und Innenarchitektur ausgestellt.Zeichnungen von Oskar Kokoschka, Starpostkarten von Fritzi Massary, Landhausentwürfe des Architekten Franz Olbrich und viele andere Fundstücke vermitteln trotz der nüchternen Präsentation ein Fluidum der Eleganz, das damals im vielseitigen Austausch dieser Künstler mit der Stadt Berlin entstand.

Auch der dritten Ausstellung im Rahmen der Jüdischen Kulturtage ist Aufmerksamkeit zu wünschen.Im Foyer des Jüdischen Gemeindehauses in der Fasanenstraße zeigt die Wiener Fotografin Lisl Ponger rund vierzig Schwarzweißfotografien.Es sind Bilder von menschenleeren Plätzen, Straßen, Hauseingängen, die sich in den ausführllichen Bildkommentaren als Orte früheren oder jetzigen jüdischen Lebens in Wien herausstellen: Neubauten anstelle der zerstörten Synagogen, versteckte und bewachte Eingänge zu Talmudschulen und koscheren Geschäften.Sie bilden eine kühle Bestandsaufnahme der Zerstörung der Wiener jüdischen Kultur und ihre sehr zurückgenommene Wiederbelebung.Beim Eintritt in das aufgekratzte Ballroom-Ambiente dieser Tage im Jüdischen Gemeindehaus sollte man sich diese melancholischen Bilder dennoch nicht entgehen lassen.

Die Ausstellung "Davka - Jüdisches Leben in Berlin" geht über den Themenschwerpunkt der diesjährigen Kulturtage hinaus und wird vermutlich wegen des ungewöhnlichen Ausstellungsortes nicht um das Publikumsinteresse besorgt sein müssen.Im leerstehenden Gebäude des ehemaligen jüdischen Kinderheims Ahawa in der Auguststraße stellen die Künstlergruppe Meshulash und zahlreiche unabhängige jüdische Künstler ihre Arbeiten aus.Tafelbilder, Objekte, Environments beschäftigen sich mit ihrem Lebensgefühl in Berlin, mit jüdischer Identität in der Berliner Mischung aus östlichen, amerikanischen, israelischen und deutschen Einflüssen.Viele beziehen den Ort in ihre Arbeiten ein, bemalten die Wände, nutzten die labyrinthischen Zimmerfluchten für überraschende Effekte.Für diese erste gemeinsame und sehr widersprüchliche Ausstellung jüdischer Künstler in Berlin sollte man Zeit genug mitbringen, um auch die ausführliche Foto-Dokumentation zur Geschichte des Hauses während des Dritten Reiches und in der DDR nachlesen zu können.

Jüdisches Wien, Fotografien von Lisl Ponger, Fasanenstr.79/80, Mo-Do 10-20 Uhr.- Wiener in Berlin 1890-1933, Kunstbibliothek, Matthäikirchplatz, Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr.- Jüdisches Leben in Berlin, Auguststraße 14/16, So-Mi 12-18, Do 12- 20 Uhr.

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