Kultur : Memory Deutschland

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Kaleidoskop der Geschichte. Will McBride fotografiert am 26. Juni 1963 John F. Kennedy, Willy Brandt und Konrad Adenauer am Brandenburger Tor. Katharina Vogel porträtiert 1990 einen Jungen in der geschlossenen Erziehungsanstalt Borgsdorf bei Berlin, die zu DDR-Zeiten noch zum Kombinat Sonderheime gehörte. Unten rechts der Flughafen Frankfurt/Main 1956 als Postkartenmotiv. Fotos: DHM
Kaleidoskop der Geschichte. Will McBride fotografiert am 26. Juni 1963 John F. Kennedy, Willy Brandt und Konrad Adenauer am...

Geschichte kommt von Geschichten. Und wer kann besser erzählen als eine Fotografie, die Vergangenheit überliefert, als läge sie nur einen Wimpernschlag zurück. John F. Kennedy, Willy Brandt und Konrad Adenauer sitzen im Fond eines Wagens mit offenem Verdeck. Im Hintergrund das Brandenburger Tor, halb verborgen von einer ersten provisorischen Mauer. Ratlos stehen Polizisten in der Nähe, beäugen die drei voller Neugier. Direkt neben der Karosse ist grimmig blickendes Sicherheitspersonal postiert, Anzugträger mit Bürstenschnitt. Kennedy scheint etwas zu sagen, gestikuliert staatsmännisch. Brandt sitzt schweigend in der Mitte, den Blick starr geradeaus, Adenauer hebt offensichtlich gerade zur Erwiderung an.

Kennedys achtstündiger Besuch im Sommer 1963 in Berlin wurde zur Legende, seine Rede vom Balkon des Rathaus Schöneberg („Ich bin ein Berliner“) schrieb Geschichte. Die Aufnahme des Fotografen Will McBride am Brandenburger Tor zeigt aber auch, wie die deutschen Politiker vom Besuch des US-Präsidenten zu profitieren versuchten. Kanzler Adenauer und Berlins Regierender Bürgermeister Brandt rangen um die Sitzordnung im Auto (wer darf neben dem US-Präsidenten sitzen), um die Fahrtroute und jeden Haltepunkt mit Fototermin. Auch vor dem Hintergrund, dass Kennedy wenige Monate später erschossen wurde, gewinnt das Foto seine Aura. Nur Brandt hat den Fall der Mauer ein Vierteljahrhundert später noch erlebt.

Die Momentaufnahme ist ein Bruchteil deutscher Geschichte – und ein winziger Ausschnitt aus dem Archiv des Deutschen Historischen Museums. 400 000 Abzüge und 1,7 Millionen Negative lagern hier. Wenn man so will, ist das für jeden Tag deutscher Geschichte seit der Reichsgründung 1871 ein Bild, wenn nicht sogar mehrere. Die Sammelaktivität begann gleich mit der ersten Ausstellung des DHM im September 1989, damals noch in den Kellerräumen der Windscheidstraße in West-Berlin.

Als „Versuch über den Umgang mit Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg“ war die damalige Schau über den 1. September 1939 gedacht. Gezeigt wurden Bilder von Gerhard Gronefeld, der als Fotograf der Propaganda-Kompanien gearbeitet hatte, nach 1945 die Magazine Stern und Quick belieferte. Mit dem Ankauf seines Negativarchivs war der Grundstock für die Fotosammlung des DHM gelegt, die heute als eine der größten gilt und als wichtiger Fundus für die Publikationen und Ausstellungen des Museums dient. Zur Verwunderung von Dieter Vorsteher, der sie von Anfang an betreut hat, waren Pressebilder in den 90er Jahren noch erschwinglich. Die sich im Zuge der Digitalisierung reihenweise auflösenden Fotoagenturen reagierten mit Erleichterung, wenn sie ihre Bestände ins Depot geben durften.

Zwanzig Jahre Fotosammlung sind nun selber Anlass für das Deutsche Historische Museum, zurückzublicken. Im Erdgeschoss des I.-M.-Pei-Baus werden unter dem Titel „Das XX. Jahrhundert – Menschen – Orte – Zeiten“ über 300 Bilder ausgebreitet, doppelt so viele zeigt der kiloschwere Katalog, darunter manches, das ins kollektive Gedächtnis der Republik eingegangen ist. Die Ausstellung erweist sich als Zwitter: Sie erzählt deutsche Historie (angefangen mit einem Bild des aufgebahrten Kaisers 1888) und zugleich Sammlungsgeschichte. Das macht sie sprunghaft, ja unübersichtlich. Zunächst dominiert das Prinzip der Chronologie, zumindest an der Außenwand bleibt sie gewahrt, dazwischen werden immer wieder thematische Blöcke präsentiert, Sportfotografie, „Stars und Sternchen“, Modebilder. Morbide Magazinaufnahmen des DDR-Labels Allerleirauh sind einem Auftritt von Miles Davis in Hamburg gegenübergestellt, „Cartes de Visite“, knöcherne Familienbildnisse auf Karton, die Ende des 19. Jahrhunderts bei den Festen des gehobenen Bürgertums in Mode kamen, finden sich an der Seite von Turmspringern der Pressebild-Agentur Schirner, die 1937 mit den Olympischen Spielen in Berlin ihre Arbeit aufnahm.

Ein eigenes Kapitel bilden der Deutsche Jugendfotopreis, an dem sich 50 000 Kinder und Jugendliche beteiligten, sowie der Internationale Preis für jungen Bildjournalismus, der den Blick auch für das Ausland öffnet: Spielende Kinder in einem Flüchtlingslager in Palästina, dampfende Müllberge in Manila, Hungeropfer im Sudan zeigen eine völlig andere Wirklichkeit. An beiden Abteilungen, die nur am Rande deutsche Geschichte berühren, ist zu erkennen, wie schwer Kurator Dieter Vorsteher offenbar das Neinsagen fiel. Einzige Ausnahme: das ADN-Archiv, dessen Bestand die Größe eines halben Fußballfeldes besaß und wegen der schieren Menge ans Bundesarchiv in Koblenz ging.

Doch wo soll man die Grenze ziehen in einer globalisierten Welt? Rein nationale Geschichte schreibt sich nur noch schwerlich. Wohl deshalb überkommt den Besucher angesichts der Politikerbilder, Porträts von Bergarbeitern und Rollmopsverpackerinnen Nostalgie. Die gerade erst zurückliegende Zeit in den Fotodokumenten scheint Epochen weit zurückzuliegen. Fast Zärtlichkeit für sein Land befällt einen beim Postkartenstand von Hans Hartz, der all die Marktplätze der Republik, Panoramablicke auf Rhein und Flughäfen bundesweit vertrieb. Die grelle Nachkolorierung von Fassaden und Rabatten verrät erste Zweifel am Optimismus der Wirtschaftswunderzeit. So demonstriert Fotografie auch das Moment des Vergänglichen, das im Aktuellen schon aufscheint.

DHM, Unter den Linden 2, bis 20. 6.; tägl. 10–18 Uhr. Katalog 39 €.

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