Michael Chabons Roman „Telegraph Avenue“ : Stars auf 33

Vom Glück und Unglück eines Plattenladens: Michael Chabons gehaltvoller Familienroman „Telegraph Avenue“.

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Erzählt gern von unglaublichen Abenteuern. Der amerikanische Schriftsteller Michael Chabon, 51.
Erzählt gern von unglaublichen Abenteuern. Der amerikanische Schriftsteller Michael Chabon, 51.Foto: Jennifer Chaney/Verlag

Eine Vinylplatte macht sich immer gut auf dem Cover eines Buches. Die lässt Popisten-Herzen höher schlagen, auch die von passionierten Popliteraturlesern. Und wenn hinten auf dem Umschlag ein Hinweis aus der „New York Times“ drauf ist, dass dieser Roman den „kultigsten Soundtrack seit ,High Fidelity’“ habe, also seit Nick Hornbys Mitte der neunziger Jahre veröffentlichtem, inzwischen legendären Roman über den Besitzer eines Plattenladens in Nord-London und die Macht, die Schallplatten über männliche Lebensentwürfe ausüben können, dann ist sowieso alles klar. Dann muss Michael Chabons Roman „Telegraph Avenue“, um den es hier geht, mindestens ein veritabler Poproman sein.

Und wie Hornbys Held Rob Fleming betreiben hier auch zwei der Helden dieses Romans, der schwarze Archy Stallings und der weiße, jüdischstämmige Nat Jaffe, einen Plattenladen; der verkauft bevorzugt antiquarisch erworbene Vinylplatten, mit dem Schwerpunkt Jazz, Soul und HipHop, also schwarze Popmusik. „Brokeland Records“ heißt der Laden, er liegt in einem heruntergekommenen Block an der titelgebenden Telegraph Avenue, die die kalifornischen Städte Oakland und Berkeley verbindet. Und „Brokeland“ soll, so einer der Handlungsfäden von Chabons Roman, einen Konkurrenten nur zwei Querstraßen weiter vor die Nase gesetzt bekommen. Es ist dies der Flagship-Store einer Kette, die sich auch auf die afroamerikanische Kultur und ihren mannigfaltigen Reichtum spezialisiert hat. Kurzum: Würde dieser „Thang“ der Dogpile-Kette wirklich eröffnen, könnte das über eher kurz als lang das Ende von „Brokeland“ bedeuten.

Schlecht gelaunte Männer und ihre Plattensammlungen

Ja, und wie Hornbys Held (und letzten Endes alle Plattenladenbesitzer der Welt) sind Jaffe und Stallings zwei mürrische, oft schlecht gelaunte Männer, die die Welt draußen eine böse sein lassen. Stattdessen versenken sie sich lieber drinnen in alten Plattensammlungen, machen sie sich Gedanken über die Beziehungen des Bossanovas mit der Nouvelle Vague oder verbummeln den Tag damit, die „süßliche Version“ von Booker T. & The MGs „Melting Pot“ mit Roxanne Shantes auf einem Sample von Booker Ts Stück basierender Hitsingle „Live On Stage“ abzugleichen. „Bei allem, was er tat“, charakterisiert der 1963 geborene Chabon seinen Archy Stallings, nachdem dieser von der drohenden Konkurrenz informiert worden ist, „war er sich eines schmerzlichen Gefühls tragischer Hingabe bewusst, die pflichtbewusste Arbeit eines todgeweihten Außenpostens auf einsamem Kontrollpunkt zu erledigen, während barbarische Horden hinter dem nächsten Höhenzug auf ihre siegreichen Ponys stiegen.“

„High Fidelity“ hin, Hornby her: „Telegraph Avenue“ ist um viele Facetten reicher, um vieles gehaltvoller. Was Michael Chabon gleich zu Beginn mit zwei Szenen andeutet. Mit zwei Jungs auf Skateboards, einem weißen und einem schwarzen, und deren gegenseitiger Anziehung. Bei dem einen ist sie sexueller, bei dem anderen rein freundschaftlicher Natur: „Vielleicht würde der schwarze Junge sein T-Shirt bald ganz ausziehen und es wie eine Flagge aus dem Hosenbund flattern lassen. Der weiße Junge würde Schwung holen und mit der Hand nach der blitzenden Haut tasten.“ Und nach einem durch eine kleine gezeichnete Vinylplatte gekennzeichneten Break, (was sich in Folge häufig wiederholt), geht es weiter mit Archy, wie er in seinem Laden eine alte Plattensammlung sortiert. Das aber nicht allein, sondern mit einem Baby auf dem Arm, das nicht seins ist: Stallings übt sich ein, seine Frau Gwen erwartet ein Baby.

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