Mies van der Rohe zum 125. : Saniert die Nationalgalerie!

Mies van der Rohe hat die Architektur der Moderne geprägt wie kaum ein anderer. Sein Geniestreich war die Neue Nationalgalerie in Berlin. Ein Appell zu seinem 125. Geburtstag.

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Mies van der Rohe war einer der wichtigsten Architektur-Avantgardisten, die mit neuen Formen, Grundrissen und Materialien auf die Herausforderung der Moderne nach dem Ersten Weltkrieg antworteten. Zu seinen Meisterwerken zählt die Neue Nationalgalerie in Berlin, die ab 2015 saniert wird. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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27.03.2011 10:59Mies van der Rohe war einer der wichtigsten Architektur-Avantgardisten, die mit neuen Formen, Grundrissen und Materialien auf die...

An den Scheiben konnte man es zuerst bemerken. Die großen Gläser wiesen nach und nach eine deutliche Fuge in der Mitte auf, dort, wo sie aus zwei Teilen zusammengefügt sind. Ludwig Mies van der Rohe, der Architekt von Berlins Neuer Nationalgalerie, hätte das nie gebilligt. Aber im Laufe der Zeit wurde im Kunsttempel an der Potsdamer Straße immer mehr toleriert und improvisiert, während eine Generalüberholung in ferne Zukunft verschoben wurde.

Damit soll es nun ein Ende haben. Zwar ist noch kein Geld bewilligt, aber Udo Kittelmann, Direktor aller Häuser der Nationalgalerie, zeigt sich entschlossen, die Sanierung noch in diesem Jahr in Angriff zu nehmen. 43 Jahre ist dieses einzigartige Kunsthaus aus einem Sockelgeschoss, einer weiten Terrasse, acht mächtigen Stahlpfeilern und einem stählernen Dach in nüchterner Eleganz dann alt.

Mies van der Rohe (1886–1969), dessen 125. Geburtstag an diesem Sonntag begangen wird, hat die Architektur der Moderne geprägt wie kaum ein anderer. Seine Kompromisslosigkeit, seine Abneigung gegen jegliche Anpassung haben seine Bauten unverwechselbar gemacht. Gebürtig in Aachen im Schatten des karolingischen Domes, lernte er zunächst Steinmetz: Mochte er später auch mit Stahl und Glas bauen, er mochte den Backstein. Seine Wohnhäuser für wohlhabende Auftraggeber zeugen von der lebenslangen Wertschätzung alles Handwerklichen. Natürlich konnten es, wie beim Deutschen Pavillon in Barcelona von 1929, auch teure Materialien wie Onyx und Aluminium sein. Oder eben Stahl wie bei der Neuen Nationalgalerie.

Mies kam 1967 nach Berlin und beobachtete, wie das Stahldach von hydraulischen Pressen in die Höhe gestemmt wurde. „Und als das große Dach sich lautlos hob, da habe ich gestaunt.“ Die Sätze sind berühmt, ebenso sein minutenlanges Schweigen, wenn er an der Zigarre zog. Über dem Modell der Nationalgalerie brütete er tagelang, bis er anwies, das Dach in der Mitte um jeweils 10 Zentimeter anzuheben, um ein scheinbares Durchhängen zu vermeiden. So hatten es die Griechen bereits beim Parthenon getan. Die Kontinuität von Baukunst war ihm selbstverständlich, sein großes Vorbild Karl Friedrich Schinkel. „Man konnte alles über Architektur von ihm lernen“, erinnerte er sich seiner Lehrzeit in Berlin.

1908 begann er hier als Mitarbeiter des großen Peter Behrens und baute Landhäuser im reduzierten Stil „Um 1800“, wie eine Publikation überschrieben war. Die Wende zur technisch geprägten Moderne kam in den zwanziger Jahren. Für ein Grundstück am Bahnhof Friedrichstraße entwarf er ein gläsernes Hochhaus, das über alles hinausging, was realisierbar schien. Erst mit der Weißenhofsiedlung 1927 in Stuttgart, deren künstlerische Leitung er innehatte, kam der internationale Durchbruch. Haus Tugendhat in Brünn 1928 – heute Weltkulturerbe –, Barcelona-Pavillon 1929, Direktorat des Dessauer Bauhauses 1930, Teilnahme an der New Yorker Ausstellung „The International Style“ von 1932, die der Moderne ihren bleibenden Namen gab: Mies van der Rohe war auf seinem Karrierehöhepunkt.

1938 siedelte er nach Chicago über, den Krieg erlebte er aus der Ferne. Mit dem New Yorker „Seagram Building“ von 1958 schuf er dann das unübertroffene Idealbild eines Hochhauses, gleichermaßen urban wie entrückt. Auf Einladung des West-Berliner Senats wenig später suchte er sich die künftige Nationalgalerie aus. Funktionale Erwägungen interessierten ihn im Alter nicht mehr, manche Unbequemlichkeit musste daher hingenommen werden: So stellen die hölzernen Garderobenverschläge einen Kompromiss dar, eine Cafeteria gab es anfangs nicht, auch der Buchladen im Untergeschoss wurde erst später eingebaut. Außerdem heißt es, unter der mächtigen Grundplatte der oberen Glashalle gebe es unausgebaute Räume zwischen den Fundamenten, die ausgehöhlt werden müssten, um den Platz für die oft hin- und hergeschobene Sammlung des Hauses zu erweitern.

Mies van der Rohe scherte sich nicht um solche Details. Ihm ging es in diesem späten Geniestreich um absolute Baukunst. Berlin sollte sie pfleglich behandeln.

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