Kultur : Milosevic-Prozess: Die Toten klagen an

Caroline Fetscher

Die Realität rückt immer näher an den Mann heran, dessen Spezialität das Leugnen und Manipulieren war. Am morgigen Dienstag beginnt sein Prozess, von nun an muss Slobodan Milosevic einem internationalen Tribunal Rede und Antwort stehen, das er seit seinem Transfer nach Den Haag Ende Juni 2001 noch bei jeder Möglichkeit eines Auftritts als "illegal" und "falsch" bezeichnet hat. Bisher fand sich der Fall Milosevic, eines von knapp 50 am UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien anhängigen Verfahren gegen Kriegsverbrecher aus Serbien, Kroatien und Bosnien, in der Phase der Prozessvorbereitung.

Ab Dienstag werden Zeugen zu hören sein, unter ihnen, so heißt es, auch ehemalige hochrangige Mitarbeiter des so lange unter dem Deckmantel der Demokratie herrschenden Autokraten. Das Leugnen dürfte im Lauf der Zeit schwerer fallen. Etwa drei Jahre veranschlagen die Schweizer Chefanklägerin Carla del Ponte und ihr Team für die Beweisführung. Mindestens neunzig Zeugen sollen vernommen werden, um die "individuelle, strafrechtlich relevante Verantwortlichkeit" des Angeklagten nachzuweisen. Belegt werden muss vor allem die Befehlskette, also die in der Anklage behauptete Tatsache, dass Slobodan Milosevic über offizielle wie inoffizielle Kanäle die Ermordung von Nichtserben direkt und persönlich sanktioniert, angeordnet und toleriert hat. Seit Wochen spekulieren Belgrader Medien nervös bis hämisch, je nach Couleur, wer die Kronzeugen aus alten Tagen und jüngeren Zeiten sein werden, die sich bereit finden sollen, in dieser Frage gegen den Angeklagten auszusagen.

Das Erbe Titos verspielt

Von außen ist der Befund deutlich genug. Im September 1987 als Präsident Serbiens an die Macht gelangt, verspielte Milosevic bis 1999 das Erbe Titos: Jugoslawien. Stück für Stück löste sich die jugoslawische Föderation aus sechs Republiken und zwei autonomen Provinzen unter seiner Herrschaft auf. Kriege, Vertreibung, Massenmord und die Ethnisierung des Medienapparats wie der Akademien ließen ein Land zerbrechen, das als Vertreter des "Dritten Weges" zwischen Kapitalismus und Kommunismus weltweit Interesse und Anerkennung gefunden hatte. Wo Tito auf eine Mischung aus Bevölkerungsgruppen gesetzt hatte, propagierte Milosevic die Vorherrschaft der Serben, wo Tito die Föderation gestärkt hatte, pokerte Milosevic mit Belgrad gegen die anderen Landesteile.

Sein historischer Werdegang liegt nun zusammengefasst in drei umfangreichen Anklageschriften, die in den vergangenen Monaten in seiner Präsenz in Den Haag verlesen wurden: die Kroatien-Anklage, die Bosnien-Anklage, die Kosovo-Anklage. Mehr als eine Viertelmillion Tote hatte die versuchte Serbisierung Jugoslawiens gekostet, übrig geblieben sind zwei Teilrepubliken, Serbien und das wesentlich kleinere Montenegro, das nun konsequenterweise auch nach Unabhängigkeit von Belgrad strebt. Ob Slobodan Milosevic das Haager Tribunal anerkennt, oder nicht, der Mann, der seit einem Jahr mit ehemaligen Lagerleitern, Aufsehern und Generälen im Untersuchungsgefängnis von Scheveningen kocht und Karten spielt, der per Telefon und über Besuche von Rechtsberatern Kontakt zu seinen Getreuen in Serbien hält, kann der Konfrontation mit der Vergangenheit nicht mehr ausweichen.

Als gelernter Jurist will er sich selber verteidigen, auf Anwälte und Akteneinsicht verzichtet er dabei. Einer seiner früheren Anwälte, Zdenko Tomanovic, erklärte vergangene Woche in Belgrad, Milosevic werde in Den Haag "die serbische Nation und die Politik des letzten Jahrzehnts verteidigen". Als Zeugen für seine Sache wünscht sich der Ex-Diktator jene zu zitieren, die einst mit ihm auf der Weltbühne verhandelt haben, darunter Bill Clinton, Tony Blair, Jaques Chirac und Hubert Vedrine. Das Gericht sieht vor, dass der Angeklagte Zeugen laden lassen kann, er muss jedoch nachweisen, dass sie für seinen Fall relevant sind, den das Gericht unlängst auf Antrag der Anklage zu einem einzigen Verfahren erklärte, das die drei Klageschriften bündelt.

Als einen "Meilenstein der Rechtsgeschichte" bezeichnet der juristische Experte von Human Rights Watch in New York, Richard Dicker, den Prozess gegen Milosevic. "Doch so erfreulich dies ist, so inakzeptabel bleibt, dass die Regierungen in Belgrad und anderen Teilen Ex-Jugoslawiens die vom Tribunal angeklagten Radovan Karadzic und Ratko Mladic noch nicht überstellt haben." Denn die Aufarbeitung des Geschehenen ist mit Milosevic keineswegs zu Ende.

Unterbrochene Lebenswege

Die wirtschaftliche Verelendung Ex-Jugoslawiens, die von Exil und Arbeitslosigkeit unterbrochenen Lebenswege und Karrieren, das Brainwashing durch die gleichgeschalteten Medien - all diese Tatbestände sind nicht justiziabel. Am Tribunal stehen einzelne Individuen auf Grund ihrer Taten vor Gericht. "Es ist nicht unsere Aufgabe, der Geschichte den Prozess zu machen," erklärte nüchtern und pragmatisch der deutsche Tribunal-Richter Wolfgang Schomburg dem Tagesspiegel. Doch der Prozess wird Geschichte machen.

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