Kultur : Milzbrand-Alarm: Deutscher Stempel und Absender "Islamabad"

Ilse Holz[Jens Vogt],Jens Wenzel

Der mit Tesa-Band verschlossene Brief war den Mitarbeiterinnen der Poststelle im Rudolstädter Arbeitsamt schon vorige Woche aufgefallen - erst gestern stellte sich aber heraus, dass Milzbrand-Erreger in einem verdächtigen Tütchen enthalten werden könnten. Ein "erheblicher Verdacht" sei ihm gegen 11 Uhr mitgeteilt worden, berichtete der Thüringer Gesundheitsminister Frank-Michael Pietzsch (CDU) vor der Presse. Zu dem Zeitpunkt hatten die Experten vom Bundesamt für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin mit Sitz in Jena ihre Untersuchungen der pulverigen Substanz abgeschlossen. Sowohl die mikroskopischen wie die serologischen Tests waren positiv verlaufen.

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--> Online Spezial: Bio-Terrorismus
Stichwort: Milzbrand
Hintergrund: Seuchenexperten
Web-Link: Robert-Koch-Institut "Wenn mehrere Untersuchungen nicht gleicher Verfahrensart positiv sind, ist ein Befund wahrscheinlich", hatte Institutsleiter Professor Schimmel dem Thüringer Gesundheitsminister gesagt. In diesem Augenblick wurde die Aktions- und Informationsmaschinerie der Thüringer Landesregierung und aller weiteren zuständigen Behörden in Gang gesetzt - und ein mehrstündiges Bangen. Am späten Nachmittag informierten der Gesundheitsminister und Innenminister Christian Köckert (CDU) die Medien. "Das fällt uns nicht leicht", sagte Pietzsch, "aber wir wollen vorsorglich und möglichst klar informieren, auch um Panik zu vermeiden." Denn so gut wie sicher war, dass Menschen nicht zu Schaden gekommen sind. Von den zehn Mitarbeitern, die direkt oder indirekt mit dem Brief zu tun bekamen - drei hatten ihn mit der Hand berührt, sieben waren im gleichen Raum - dürfte sich nach den ersten Erkenntnissen niemand infiziert haben. Die Inkubationszeit von vier Tagen bei Lungen-Milzbrand ist vorbei, und auch die acht- bis zehntägige Inkubationszeit bei Haut-Milzbrand dürfte überstanden sein.

Adressat war das Arbeitsamt Rudolstadt, als Absender nur "Islamabad, Pakistan" erkennbar. Aufgegeben worden war der Brief jedoch in einem deutschen Briefverteilerzentrum, Stempel nicht leserlich, deutsche Briefmarke. Die Mitarbeiterin informierte sofort die Leiterin der Geschäftsstelle, die umgehend die Polizei benachrichtigte, dann wurde der Brief, in ihm erkennbar eine Tüte mit Pulver, dreifach verpackt und per Feuerwehr zum Jenaer Bundesinstitut transportiert. Das eigentliche Ansetzen der Kulturen konnte erst erfolgen, nachdem das Material auf Radioaktivität und Sprengstoff untersucht worden war.

Nach dem Vorfall in dem Rudolfstädter Amt war der betroffene Raum desinfiziert worden, die Mitarbeiter unterzogen sich einer chirurgischen Händedesinfektion. Wenige Minuten nach 15 Uhr riegelte die Polizei den fünfstöckigen Plattenbau im Ortsteil Volkstedt ab. Die Beamten folgten damit "den festgelegten Instruktionen für derartige Verdachtsfälle", so Polizeisprecher Lothar Kleingärtner. Erst am Abend konnten dann auch die sechs Menschen, die noch im Gebäude waren, vor allem Mitarbeiter und Patienten einer Arztpraxis, das Haus verlassen.

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