Minarette : Ein Zeigefinger Gottes

Angst unbegründet: Warum Minarette keine Herrschaftssymbole sind.

Falk Jaeger

Kein Archetypus in der Baugeschichte ist so bewundert, so gehasst, so intensiv interpretiert, beurteilt oder verurteilt worden wie der Turm. Die höchsten Bauwerke der Menschheit erreichen bald die Kilometermarke, aber noch immer kann man keinen Turm, kein Hochhaus bauen, das ein ganz normales Bauwerk wäre. Warum auch will ein Gaskonzern in St. Petersburg die weltberühmte klassizistische Stadtsilhouette mit einem Wolkenkratzer malträtieren? Wozu ein Hochhaus in Davos, wo man dreihundert Meter entfernt auf gleicher Höhe zu ebener Erde bauen könnte? Wozu in Dubai ein 818-Meter-Turmhaus, wo es Platz im Überfluss gäbe? Es „Streben nach Aufmerksamkeit“ zu nennen, ist wohl purer Euphemismus.

Von den Zikkurats der Sumerer über die mittelalterlichen Kathedralen, die Belfriede in Flandern und die toskanischen Geschlechtertürme, den Eiffelturm bis hin zu den modernen Wolkenkratzern ist der Nutzen himmelstürmender Bauwerke immer auch mit der Selbstdarstellung Einzelner oder des Gemeinwesens verbunden worden. Der Streit um den Bau von Minaretten in der Schweiz wirft in diesem Zusammenhang die Frage nach der Bedeutung dieser schlanken Türme auf. Verkörpern sie tatsächlich das weltliche Machtstreben des Islam, wie die Minarettgegner es wahrhaben wollen?

Ein Blick in die Baugeschichte ist lehrreich. Die ältesten Moscheen hatten kein Minarett. Überraschenderweise haben die Minarette christliche Kirchtürme zum Vorbild und entstanden erstmals im frühen 8. Jahrhundert in Syrien. Der Name leitet sich vom arabischen manãra ab, was „Signalturm“ bedeutet, also keineswegs eine symbolische, sondern eine rein funktionale Bedeutung beschreibt.

Wie die Kirchtürme mit ihren Glocken das Signal zum Kirchgang gaben und noch heute tun, rief von der Höhe des Minaretts der Muezzin zum Gebet (heute per Lautsprecher vom Band). Die weitere Entwicklung macht deutlich, dass das Minarett, und dies durchaus im Unterschied zum Kirchturm, nicht einen Machtanspruch erheben sollte und keine demonstrative Geste darstellt: Minarette blieben schlank und bescheiden. Ihre markante Form mit Raketen gleichzusetzen, wie auf Plakaten in der Schweiz zu sehen, ist nicht semantische Deutung, sondern unverhohlene Demagogie.

Der einzige Zweck eines Minaretts war, den Muezzin in die Höhe zu bringen und seinen Ruf so weit wie möglich hörbar zu machen. Höhenstreben ist bei Minaretten die absolute Ausnahme. Casablanca besitzt das welthöchste mit 210 Metern, König Hassan II ließ die nach ihm benannte Moschee zum eigenen Ruhm errichten; in Algier soll eines mit 214 Metern entstehen, was in diesem Fall offensichtlich doch Konkurrenzdenken entsprungen scheint. Von den ansonsten in Superlativen badenden Potentaten der Golfregion ist derlei nicht bekannt; sie bauen zwar prächtige Häuser zum Lob Gottes, Macht und Herrlichkeit pflegen sie jedoch mit Wolkenkratzern, Museen und Flughäfen zu demonstrieren.

Erst um das Jahr 1000 wurde das Minarett auch als architektonisches Element entdeckt und als Akzent in der Baugestaltung der Moscheen eingesetzt, dann auch zwei oder vier an einem Bau, in Einzelfällen wie der Sultan Ahmed Moschee in Istanbul sechs oder in Mekka neun. So wurde das Minarett mehr noch als die Kuppel zum signifikanten Zeichen für Moscheen. Als die Osmanen 1453 Konstantinopel erobert hatten, machten sie die Hauptkirche, die ab 532 errichtete byzantinische Hagia Sophia, zur Moschee. Glocken, Bildwerke, alle christlichen Ikonographien wurden beseitigt. Vor allem aber wurde der Kuppelbau mit vier Minaretten ausgestattet. Da erst war der Bau für jedermann als Moschee erkennbar.

Wenn Muslime heute in Mitteleuropa Minarette errichten, wollen sie mit dem schlanken Turm eine Art Zeigefinger heben: „hier sind wir“ – und nicht die Faust recken. Grund zur Beunruhigung ist das nicht, schon gar nicht für die Hüter des christlichen Abendlandes, zu dessen höchsten Werten die Toleranz gegenüber Andersdenkenden und -gläubigen gehört.

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