Kultur : Minimal-Oper: Rasen und Stillstand

Cordula Däuper

In einem großen, gekachelten Raum mit echter Rasenfläche sind Luftmatratzen ausgelegt: Die gemütlichen Modelle für zwei. Da flezen sich nun die Zuschauer; andere stehen im Gras. Wir befinden uns im Tresorraum der einstigen Staatsbank in der Französischen Straße - und im dritten Akt der Oper "Einstein on the Beach", die Robert Wilson und der Komponist Philip Glass 1976 gemeinsam entwickelt haben. Damals geradezu revolutionär fürs Musiktheater: Es gibt weder Handlung noch Charaktere. Anhand von Raumskizzen, die Wilson entwarf, komponierte Glass Minimal-Musik, "Bilder zum Hören".

Die Uraufführung erfolgte trotzdem im traditionellen Theaterkontext mit Bühnenbild und festen Plätzen. Für die Berliner Erstaufführung in der Staatsbank hat das "Labor für angewandte Musik" eine flächendeckendere Variante erarbeitet: Auf mehreren Etagen werden in unterschiedlichen Räumen, Kabuffs und Fluren Installationen, Videos und Fotos ausgestellt. Für die Musiker und Sänger gibt es keinen festen Aufführungsort. Aber egal, wo sie sich befinden, beschallt werden alle Räume live. Unmöglich, sich der eindringlichen Minimal-Musik von Glass zu entziehen. Vielmehr entfalten Computeranimationen und perspektivische Gaffatape-Bilder - die nur von einem Sichtpunkt über mehrere Treppen und Winkel ihren Zusammenhang verraten - erst durch den immer währenden Sound Kraft und Ausstrahlung.

Die stärkste Konkurrenz der Aufführung ist allerdings das morbide Gebäude selbst: Veraltete Panzerschränke, Gittertüren, aus der Wand gerissener Putz, verrostete Rohre - mal in Neon-, dann in Schummerlicht getaucht. Wilson hatte zur Uraufführung mit seinen Darstellern einen für ihn typischen Bewegungskanon erarbeitet, der emotionslos, schlicht und möglicht unangestrengt in ständiger Wiederholung vorgetragen wurde. Ebenso rational, geradezu mathematisch auch die Musik: Mit den englischen Zahlen eins bis acht und den Solmisationssilben "do, re, mi ...", denen jeweils eine Tonhöhe zugeordnet ist, erschöpft sich der Text der Sänger. Unablässig werden Ton- und Silbenfolgen wiederholt, erfahren winzige Änderungen und fortgesponnen - ebenso wechseln die Konstellationen der 13 Sänger. Manchmal bestreiten die Instrumentalisten allein Zwischenspiele: Auf zwei Orgeln, Geige, Saxofon, Bassklarinette und Flöte.

Auch Regisseur Berthold Schneider formt bei der Berliner Erstaufführung keine Charaktere. Die Darsteller sollen weder Bedeutungen noch Zwischenmenschliches mit sich herumtragen. Sie stehen hinter Mikrofonen, sitzen auf Stühlen, singen in verschiedene Richtungen. Manchmal wälzen sie sich auf dem Boden. Ihre Blicke sind immer an die Monitore im Raum geheftet: Dort werden die zu singenden Silben und Zahlen eingeblendet - und in den Gesangspausen erscheinen mathematische Formeln.

Der naturwissenschaftliche Bezug und zugleich Verweis auf Einstein, den Namensgeber der Oper, geht durch alle Installationsobjekte. Über die Projektionsleinwand im Saal laufen statistische Angaben zum menschlichen Lebewesen. Die größte Frau war 247 cm groß, und der Mensch schluckt durchschnittlich 600 Mal am Tag. Auf die wenigen konkreten Momente folgt dann wieder der Sog der endlosen Tonreihen. Im vierten Akt erscheint auf der Leinwand eine rasante Kamerafahrt durch ein leeres Parkhaus - dazu wird ohne Abphrasierung und Pausen permanent auf Hochtouren musiziert. Eine herausragende Leistung des Ensembles, angeführt von Ari Benjamin Meyers, der mit tänzerischem Elan und Souveränität nichts dem Zufall überlässt.

Am Ende, nach vier Stunden, wird ein Klebeband brusthoch durch den Raum gezogen. Licht und Sängerstimmen treten in den verdunkelten Raum zurück. Das Publikum liegt auf der gestreiften Auslegeware, Paare kuscheln. Andere sitzen im Nebenraum, rauchen und essen. Der Stempel, den man beim Eintritt auf die Hand gedrückt bekommen hat, erinnert am nächsten Morgen daran, diese "Art" von Opernabend weiterzuempfehlen.

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