Kultur : Mira alias Marilyn

Viele glauben es zwar, aber wer dumme Blondchen spielt, muß keineswegs selbst blöd sein. Zum Beispiel Mira Sorvino: Berühmt wurde sie zwar als schlichte (und blonde) Prostituierte in Woody Allens "Geliebte Aphrodite", dabei hat die 32jährige in Harvard ostasiatische Kultur mit Auszeichnung studiert, und ihr IQ soll knapp über dem von Einstein liegen. In "Auf den ersten Blick" durfte die New Yorkerin einmal so bleiben, wie sie ist: dunkelhaarig und akademisch. Zum Interview in München - das Gespräch führte Christine Mortag - erschien sie extravagant: in hohen High-Heels zum dunkelblauen Business-Anzug.

Interessante Kombination.

Vielleicht Ausdruck meiner inneren Zerrissenheit. Ich habe eine sehr ernsthafte, akademische Seite in mir, die mich ständig überzeugen will, ich müßte auf der Stelle dem Friedens-Corps beitreten. Und die andere wäre gern Marilyn Monroe.

Darum also spielen Sie als Harvard-Absolventin dumme Blondinen?

Genau, da konnte ich meine ordinäre Seite ausleben. Das Blöde war nur, daß ich danach als die doofe Blonde vom Dienst galt.

Jedem war doch klar, daß sie zwar etwas einfältig aussahen, aber eigentlich ein Intelligenzbolzen sind.

Nicht den Produzenten! Hollywood ist so verdammt kurzsichtig, phantasielos und glücklich, wenn sie eine Schublade für einen gefunden haben. Zweimal eine Blonde gespielt, und schon bekam ich nur noch solche Rollen angeboten. Darum gefällt mir mein neuer Film: Ich konnte endlich mal meine echte Haarfarbe behalten.

Wenn das alles ist, nicht gerade ein Kompliment für den Regisseur.

Natürlich finde ich den ganzen Film gut. Und selbst, wenn es nicht so wäre, würde ich Ihnen natürlich nie was anderes sagen.

Natürlich nicht. Wie würden Sie einem Blinden Ihr Äußeres beschreiben?

Ich bin größer als Sylvester Stallone (und die meisten amerikanischen Schauspieler), habe braune Augen und kaffeebraune Haare, eine Himmelfahrtsnase, mehr Bein als Oberkörper, und im Verhältnis zu meiner Größe sind meine Hände viel zu klein.

Haben Sie sich - als Recherche für den Film - mit Blinden getroffen?

Ich habe mir einen blinden Masseur in mein New Yorker Appartement kommen lassen. Als er ankam, rief mich der Doorman an und sagte: "Hier ist ein Mann mit weißem Stock und einem Hund, der zu Ihnen will." Ich sagte: "Okay, schicken Sie ihn rauf." Im gleichen Moment dachte ich nur: "Wie soll er bloß mein Appartement finden?" Wir Sehenden haben überhaupt keine Vorstellung, wie gut sich Blinde zurechtfinden. Er fand meine Wohnung problemlos und sagte als erstes: "So, dann stellen wir mal den Tisch da an die Seite und die Couch auch."

Virgil Adamson, den Blinden aus dem Film, gibt es wirklich. Haben Sie ihn getroffen?

Ja, in Wirklichkeit sind Amy, meine Figur, und Virgil, seit über 20 Jahren zusammen. Sie sind das perfekte Paar.

Glauben Sie an Schicksal?

Ich glaube, daß jeder für das, was in seinem Leben passiert, selbst verantwortlich ist. Wenn man die Liebe seines Lebens treffen will, trifft man sie auch. Vorher war der Richtige auch schon da, man ist nur an ihm vorbeigelaufen. Vielleicht, weil man gar nicht wirklich wollte.

Es gibt also keinen Gott?

Doch, an den glaube ich auch, aber mir mißfällt die Vorstellung, daß alles vorherbestimmt sein soll.

Können Sie mit den asiatischen Religionen wie dem Buddhismus etwas anfangen?

Sie interessieren mich, aber ich bin als Christin mit einiger Skepsis erzogen worden. Mein Vater ist aus der Kirche ausgetreten und nannte Gott immer nur "Hermann".

Gehört es zu Ihrer inneren Zerrissenheit, daß Sie als Harvard-Absolventin Hollywoodschauspielerin wurden?

Ich wollte immer schon Schauspielerin werden. Das liegt in der Familie. Mein Vater Paul Sorvino ist Schauspieler, meine Mutter war eine und arbeitet jetzt als Therapeutin. Mein Vater riet mir nur, erst mal etwas zu leben, bevor das Unvermeidliche geschieht. Übrigens das einzige Mal, daß ich auf ihn hörte.

Wie sind Sie ausgerechnet auf ostasiatische Kulturen gekommen?

Schon als Kind hat mich China interessiert, wir hatten eine chinesische Freundin in der Familie, die mich zu all ihren Familienfesten mitnahm, was mich sehr beeindruckte.

Und nach dem erfolgreichen Harvard-Abschluß haben Sie einfach gesagt, ab heute bin ich Schauspielerin?

Nicht ganz. Während des Studiums lebte ich acht Monate in Peking, und ich wäre auch nachher zurückgegangen. Damals aber fand der Aufstand auf dem Tiananmen-Platz statt, was meine Sicht auf China komplett verändert hat. Es beschleunigte meinem Entschluß, Schauspielerin zu werden.

Wie gut muß man eigentlich sein, um in Harvard angenommen zu werden?

Gute Noten sind nicht das Wichtigste. Es kommt auch darauf an, ob man sich auch noch für etwas anderes als für Schule interessiert, ob man auch anderweitig, sozial oder kulturell, aktiv ist. Ich nahm damals schon Schauspielunterricht und leitete eine Theatergruppe in der Schule. Und sie testen so etwas wie deinen Sozialisationsfaktor.

Ob Sie ein guter Mensch sind?

Sozusagen.

Bei uns kennt kaum jemand seinen Intelligenz-Quotienten, völlig anders in Amerika. Ist es dort Staatsbürgerpflicht, den IQ testen zu lassen?

In den Schulen werden IQ-Tests gemacht, aber natürlich nicht im Paß vermerkt. Da sehen Sie mal, was für Minderwertigkeitskomplexe die Amerikaner haben, daß sie ständig damit angeben. Glauben, ohne den Nachweis hielte sie jeder für blöde. Und besonders gern wird er hervorgekramt bei blonden Schauspielerinnen. Von Sharon Stone weiß man ihn, von Sandra Bullock nicht.

Dann kommt es wohl noch aus Ihrer blonden Phase, daß auch Ihr IQ bekannt ist. Er soll über dem von Albert Einstein liegen.

Keine Ahnung, ich weiß nicht mal mehr, wie hoch meiner ist. Und selbst wenn, glauben Sie, ich stelle mich vor mit: "Hi, ich bin Mira, und ich bin schlauer als Albert Einstein!"? Da müßte ich ja ziemlich doof sein.

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