Missbrauch : Die Kraft des Bekenntnisses

Scham und Mut in der Missbrauchsdebatte: Nachhaltig erschütternder als die Klärung der Frage, wie der Papst einst als Münchner Erzbischof einem pädophilen Pfarrer zu neuem Amt verhalf, sind womöglich die leisen Bekenntnisse von Prominenten, sie seien als Kinder misshandelt und missbraucht worden.

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Woran erkennt man, dass eine Gesellschaft sich dramatisch wandelt? Dass ein Schock durch sie geht, nach dem tatsächlich nichts mehr wird, wie es war?

Man könnte sagen: Daran, dass die Medien besonders laut schreien, wochenlang. Doch die öffentliche Wahrnehmung legt gern das, worüber sie sich eben noch leidenschaftlich ereifert hat, umso leidenschaftsloser zu den Akten.

In dieser Woche aber hat die leidenschaftlich und dramatisch geführte Missbrauchsdebatte, die mit der Aufdeckung des Skandals um das Canisius-Kolleg begann und längst den Vatikan erreicht, eine unerhörte – und wie zu hoffen ist: irreversible – Wucht bekommen. Erst titelte eine große Zeitung, die im erzkatholischen München erscheint: „Benedikt XVI. schweigt“. Und zeigte, dass in der getösesüchtigen Schlagzeilenwelt die lauteste News ein Schweigen sein kann.

Nachhaltig erschütternder als die Klärung der Frage, wie der Papst einst als Münchner Erzbischof einem pädophilen Pfarrer zu neuem Amt verhalf, sind womöglich die leisen Bekenntnisse von Prominenten, sie seien als Kinder misshandelt und missbraucht worden. Die Schriftsteller Bodo Kirchhoff und Josef Haslinger, die Moderatorin Amelie Fried, der Komponist Franz Wittenbrink: Sie alle schrieben und sprachen dieser Tage über die körperlichen und sexuellen Grenzverletzungen, die ihnen angetan wurden und die sie jahrzehntelang verdrängten.

Schon für die zahllosen nicht im öffentlichen Leben stehenden Opfer, die sich jetzt offenbaren, ist die Sichtbarmachung ihrer Seelennarben ein unerhörter Schritt. Bei Prominenten berühren solche Bekenntnisse darüber hinaus die Persona – die gesellschaftliche Rolle, die sie sich erarbeitet haben. Mutig fügen sie dem allgemeinen Wissen über sie die ungeheuer intime Erfahrung der Verletzung und Scham hinzu und treiben damit einen fundamentalen Bewusstwerdungsprozess mit ihren Mitteln voran.

Schon vor Tagen erinnerten diese vielbeachteten Wortmeldungen an eine legendäre Aktion des „Stern“ von 1971. Auf dem Titelbild bekannten viele Frauen, darunter Romy Schneider, Vera Tschechowa und Sabine Sinjen: „Ich habe abgetrieben“. Und brachten endgültig die Abschaffung des Paragrafen 218 in Gang. In ihrer neuesten Ausgabe nun hat die Illustrierte mit dem Titel „Ich war elf, als es geschah“ eindrücklich auf jene bahnbrechende Initiative Bezug genommen.

Damals wehrten sich Frauen dagegen, vom Staat und von der katholischen Kirche als Täterinnen stigmatisiert zu werden. Heute sind es die von falschem Schuldgefühl und wahrer Scham verbogenen, erwachsen gewordenen Kinder, die das schmerzhafte Erinnerungsbekenntnis wagen. Hoffentlich hilft der Mut der Opfer, dass Misshandlung und Missbrauch dauerhaft scharf ins Visier genommen werden. Und dass das Kavaliersdelikt, das Pädagogen und Eltern Kindern anzutun glauben, indem sie deren Grenzen überschreiten, als das Kapitalverbrechen an Körper und Seele geächtet wird, das es ist. Jan Schulz-Ojala

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