Kultur : Mit den Waffen eines Pfaus

Rückkehr eines Gentleman-Ermittlers: Die Paul-Temple-Krimis aus der Ära Adenauer sind Hörbuch-Bestseller

Christian Schröder

Schwer zu sagen, was schärfer knallt: die Kugeln aus den Pistolen der Gangster oder die knochentrockenen Blechbläsersätze. „Vorsicht, das Auto!“, kann Paul Temple seinen Informanten Ret Harris noch warnen. „Achtung, er hat eine Waffe!“ Schon peitschen Schüsse durch die Nacht, splitternd zerbirst die Windschutzscheibe. Harris ist noch einmal mit dem Leben davongekommen, doch bald wird der Kleinkriminelle mit einem Loch im Kopf in seiner Wohnung liegen, ein unschöner Anblick. Und wieder ist es Sache des Kölner Tanz- und Unterhaltungsorchesters unter Leitung von Harald Banter, den rasenden Puls der Zuhörer weiter zu beschleunigen: mit wirbelnden Paukenschlägen und schnaufenden Geigen.

Jede Episode des Hörspiels „Paul Temple und der Fall Jonathan“ endet mit einem donnernden Cliffhanger. Die Spannung musste auf ein neues Zwischenhoch getrieben werden, schließlich sollten die Hörer des Jahres 1954 auch bei der nächsten Folge wieder ihr Radio einschalten. Ein halbes Jahrhundert später erlebt die Krimireihe nach den Büchern des englischen Suspense-Klassikers Francis Durbridge (1912 – 1998) eine Renaissance. Hörbücher mit den alten Radio-Inszenierungen, in denen der Schauspieler René Deltgen den Gentleman-Ermittler Paul Temple mit knarzender Stimme verkörpert, sind Bestseller. Der Berliner Audio-Verlag, bei dem der „Fall Jonathan“ gerade auf vier CDs erschienen ist, hat von vier Temple-Abenteuern bislang rund 100000 Exemplare verkauft. Beim Münchener Hörverlag sind fünf weitere Temple-Hörbücher herausgekommen, zuletzt „Paul Temple und der Fall Lawrence“. Verkaufte Auflage auch hier: 100000 Stück.

Es ist das Aroma der Adenauer-Ära, das einem in den Hörspielen entgegenweht, die der WDR von 1949 bis 1966 produzierte. Ein Geruch von Bohnerwachs, Herrenzimmer-Zigarren und altem schottischen Whisky aus einer Zeit, in der sich die Deutschen aus ihrer Nachkriegs-Mühsal gerne – die Edgar-Wallace-Filme folgten bald – in ein gedämpft gefährliches Großbritannien der Gentleman-Verbrecher und -Ermittler hinwegträumten. Temple reist als erfolgreicher Kriminalschriftsteller in Begleitung seiner Gattin um die Welt und wird immer wieder in Fälle verwickelt: ein idealisiertes Selbstporträt seines Schöpfers Durbridge, der ihn 1938 für die BBC erfand.

Mit seinen späteren Fernsehkrimis wie „Das Halstuch“ oder „Melissa“ gilt der Autor als Erfinder des Straßenfegers. Schon bei seinen Hörspielen war vom „Paul-TempleFieber“ die Rede. Nach der Ausstrahlung des „Falles Gregory“ fragte die „Aachener Volkszeitung“ 1950 besorgt: „Sollte man heute schon wieder ernsthaft Lust verspüren nach dem Verwesungsgeruch von Leichen oder nach dem ach so wohltuend-erregenden Knallen von Pistolenschüssen?“ Die Deutschen verspürten diese Lust. Beim WDR gingen damals Briefe ein mit der Bitte um vorzeitige Aufklärung des Falles, geschrieben von Hörern, die das Ende „vor Aufregung“ nicht abwarten konnten. Die Temple-Krimis folgen dem klassischen WhodunnitSchema: Es gibt – wie bei Hitchcock – MacGuffins, Gegenstände, die zum Täter führen. Beim „Fall Jonathan“, angesiedelt in den snobistischen Akademikerkreisen von Oxford, ist es ein Siegelring, beim „Fall Curzon“ ein Kricketschläger mit Namensgravur.

„Hello!?“, schnarrend meldet sich Temple am Telefon. Altertümliche Redewendungen wie „Die Platte kenn’ ich“ gehören zu seinem Repertoire, mit seiner Frau Steve streitet der Detektiv über ihre Konsumsucht, schließlich ist „im Kleiderschrank schon kein Platz mehr“. Man kann die Langsamkeit entdecken in diesen Kriminalhörspielen, in denen alle wesentlichen Ermittlungsschritte – „Was hat er gesagt, Paul?“ – ausführlich rekapituliert werden. Die Geschlechterrollen sind klar verteilt. Steve, von Annemarie Cordes mit quecksilbriger Plapperstimme gesprochen, steht für die weibliche Intuition. Bei Temple drückt sich die Überlegenheit des männlichen Forschergeistes, in den fünfziger Jahren noch ein unumstrittenes Prinzip, im sonoren Stoizismus seines Basses aus. Sprecher Deltgen ist die Coolness in Person.

In der NS-Zeit war René Deltgen (1909 – 1979) als „deutscher Clark Gable“ gefeiert worden. Dabei stammte der Schauspieler aus Luxemburg, in Abenteuer- und Propagandafilmen wie „Kautschuk“, „KongoExpress“ oder „Urlaub auf Ehrenwort“ profilierte er sich als Ufa-Draufgänger. „Ein knorriger Typ, der es nicht nötig hat, den Leuten etwas vorzumachen“, so beschreibt ihn Regisseur Michael Verhoeven in der Dokumentation „René Deltgen – Der sanfte Rebell“, die seit kurzem als DVD erhältlich ist (Regie: Michael Wenk). Deltgen spielte Helden, Artisten und Schurken, auch im wirklichen Leben war er eine zwiespältige Figur. Wegen seiner Nähe zum NS-Regime wurde er 1946 in Luxemburg zu einer Geldstrafe von 100000 Francs verurteilt, eine Haftstrafe wurde ihm später erlassen. Im deutschen Nachkriegskino und Fernsehen war er als Nebendarsteller gefragt. „Mit dieser rauen Stimme musste er die zweiten und dritten Rollen spielen“, sagt Jürgen Flimm im Film über Deltgen. „Leute, die so kompliziert wirken, werden keine Stars.“

Zuletzt erschienen: „Paul Temple und der Fall Lawrence“, Hörverlag, 4 CDs, 24,95 €. „Paul Temple und der Fall Jonathan“, Der Audio Verlag, 4 CDs, 24,95 €. Die DVD „René Deltgen – Der sanfte Rebell“ ist eine Produktion des CNA Luxembourg, www.cna.lu

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