Kultur : Mit Eierlikör

Kino gegen den Fortschritt: „Die Quereinsteigerinnen“

Thomas Willmann

„Fortschritt muss sein!“ ist einer der Leitsätze unserer Gesellschaft. Barbara und Katja sind anderer Meinung (kongenial: Nina Proll und Claudia Basrawi). Sie fantasieren von Uruguay, wo angeblich alle ihre Autos jahrzehntelang reparieren und das Leben deshalb entspannter ist. Kein Wunder, dass sie grau-magentafarbene Telefonsäulen unmöglich finden. Sie wollen die Rückkehr zum guten, alten Gelb.

Weil solche Forderungen gemeinhin kaum Gehör finden, verschleppen sie – eher aus einer Laune heraus – den Telekom-Chef Harald Winter (prima genervt: Drehbuchautor und Co-Regisseur Rainer Knepperges) in ein abgelegenes Ferienhaus. Den Manager stört vor allem, dass die Aktion furchtbar unprofessionell ist. Denn der kriminelle Sachverstand der Kidnapperinnen bewegt sich auf dem Niveau von Enid Blyton, Yps-Gimmicks und Kinder-Geheimsprachen. Aber nach ersten gescheiterten Fluchtversuchen ahnt Winter, dass er, so gefangen, vielleicht freier ist als anderswo.

Auch ästhetisch ist „Die Quereinsteigerinnen“ ein Plädoyer gegen Fortschritt und kalten Design-Professionalismus. Das Langfilmdebüt von Knepperges und seinem Co-Regisseur Christian Mrasek, beide Mitglieder des Super-8-Kollektivs „Kölner Gruppe“, ignoriert bewusst alle Moden : Altrebell Klaus Lemke geistert als Nebendarsteller und Schutzheiliger herum, und über allem schwebt als heimlicher Gottvater Howard Hawks.

Absicht also: dass die Optik an Urlaubsfilme gemahnt und viele Dialoge wie improvisiert wirken. Seine Inspirationsheimat hat der Film in den Siebzigern, als junges Filmemachen eine Mischung aus Abenteuer, Hobby, Revolution und Flirtplattform war. Dazu gehören Eierlikör, Heimorgel und Häkelponchos – und offenbar auch gelbe Telefonzellen.

Wann hat eine deutsche Komödie zuletzt begriffen, dass beiläufiges Erzählen, Leichtigkeit im Gefühl und Understatement bei leicht absurdem Humor nicht zu schlagen sind? Und es so beglückend unaufdringlich umgesetzt? „Die Quereinsteigerinnen“ ist der beste Beleg für den Charme der Fortschrittsverweigerung. Es geht auch anders. Und anders kann viel schöner sein.

Blow Up, Central.

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