Kultur : Mit Fleischsalat zum Vegetarier

Wurst und Wahn: Jakob Hein macht ein Geständnis

Rebecca Schindler

Supermärkte richten abgetrennte Bereiche für den Fleischverkauf ein, um Minderjährigen und Vegetariern den Anblick von toten Tieren zu ersparen – wenn das kein Anlass für den Berliner Schriftsteller Jakob Hein ist, mal wieder ein Buch zu schreiben! In seinem kleinen Roman „Wurst und Wahn. Ein Geständnis" spielt der 40-Jährige Arzt und Schriftsteller mit allen Klischees des Vegetarismus – und erzählt, wie ein Fleischesser zum Vegetarier und wieder zurück wird.

Auf Grund einer Notlüge muss Heins junger, namenloser Protagonist nämlich irgendwo in einem In-Viertel in unbestimmter Zukunft zum Vegetarier werden. Humorvoll lässt Jakob Hein seine Leser an einfallsreichen Entzugserscheinungen teilhaben: Der Neuvegetarier sieht beim Anblick eines Hundes kleine, leckere Würste im Kuschelpelz (hot dog!), stellt sich vor, eine Wurstschorle zu trinken, und wacht morgens mit einem Teddybär im Mund auf. Außerdem versucht er sein „Bauchgehirn“ zu täuschen, indem er sich nur noch von Dinosauriernudeln, Schokobären und Cornflakes mit einem Hahn auf der Verpackung ernährt.

Doch alles ohne Erfolg, er wird immer kraft-, freud- und hoffnungsloser und verliert sogar seine Ehefrau. Dann trifft er auf den Blogger bruehwuerfel69, der ihm von seiner Verschwörungstheorie der Gemüsebauern, des Ärzteverbandes und der Soja-Tofu-Industrie erzählt und ihn somit wieder zum Fleischessen bewegen kann. Von nun an will auch der gestärkte junge Mann alle Vegetarier bekehren, und der Kampf der Fleischesser beginnt.

Hein lässt viele Kalauer vom Stapel, etwa den Ausspruch des angehenden Vegetariers „Ich habe schon mal eine Woche lang nur Salat gegessen – Fleischsalat“. Manche seiner Einfälle sind total absurd: Sein Held bekommt beim Arzt ein Rezept über „Pornografie mit größerer Wirkstärke“, damit sein Sexleben wieder anspringt. Also reißt er sich beim Masturbieren aus Versehen den Penis ab – und auf Grund vegetarischer Mangelernährung reicht die Durchblutung nicht aus, um ihn wieder anzunähen.

Jakobs Heins Idee, sich über Trends lustig zu machen und zu provozieren ist gut – nur fragt man sich, warum er seinen Roman nicht in der Gegenwart in einer realen Stadt spielen lässt? So wirkt seine Vegetarismusreise leider zu futuristisch und überdreht. Rebecca Schindler

Jakob Hein

Wurst und Wahn.

Ein Geständnis.

Roman. Galiani

Verlag, Berlin 2011.

128 Seiten, 14,99 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben