Kultur : Mit Handbremse

JÖRG KÖNIGSDORF

Wie bringt man einer eingeschworenen, enthusiastischen Fangemeinde bei, daß der Auftritt ihres Stars danebengegangen ist? Mit wenigen Worten von schneidender Schärfe oder quasi therapeutisch, mit allem Balsam an Rechtfertigungsgründen? Von denen gibt es bei Deborah Polaskis Berlindebüt als Liedsängerin in der Staatsoper jedenfalls reichlich.Respekt verdient die zu Recht als charismatische Brünnhilde und dämonische Elektra gefeierte Diva allemal.Allein dafür, daß sie es wagt, sich auf die Stilebene eines Liederabends einzulassen.Denn in dieser intimen Kunstform, wo innerhalb weniger Zeilen Seelenstimmungen entwickelt werden müssen und sich manchmal ein Schicksal in drei Minuten enthüllt, ist Polaski noch eine Anfängerin.Da merkt man in den Brahmsliedern die Besorgnis, durch ein Ausfahren der Operndynamik die Miniaturen zum Platzen zu bringen - was in der Schlußnummer "Von ewiger Liebe" auch prompt passiert.Bis dahin absolviert Polaski den Abend mit angezogener Handbremse, zwingt ihrer Stimme vor allem eine ruhige Linienführung ab.Das gelingt ihr nach den ersten, verunglückten Liedern immer besser und zeugt von der immer noch vorhandenen Fähigkeit zur stimmlichen Feinsteuerung bei der einstigen "Rosenkavalier"-Marschallin.Doch bleibt Polaski an diesem technischen Ausgangspunkt stehen.Allenthalben merkt man ihr die Unsicherheit auf dem für sie neuen Terrain an.Wie etwa wäre der Dialog des "Vergeblichen Ständchens" vokal auszukolorieren, wie die verhehlte Verletzung des "Bitteres zu sagen denkst Du" zu verdeutlichen? Antworten hätte ein sensibler Klavierbegleiter geben müssen, der die Liednovizin Polaski stilistisch geführt hätte.Daniel Barenboim kann dieser Aufgabe nicht gerecht werden, sein einstmals großes Klavierspiel bleibt längst in den Mühen technischer Bewältigung gefangen.Das schwankt in Mahlers "Liedern eines fahrenden Gesellen" (die der Sängerin streckenweise deutlich zu hoch liegen) zwischen holzigem Forte und verwischten Spielfiguren.Der burschikos-volksliedhafte Gestus der Mahler-Lieder verzerrt sich so ins Grobe, selten nur kann Barenboim mit Spurenelementen seines einstmals leuchtenden Anschlags trösten.

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