Kultur : Mit Mann und Ross - Hellmuth Karasek erinnert sich

Hellmuth Karasek

Zu unserem Glück erleben wir, wenn auch nur im kleinen Mittel- und Westeuropa, die längste Friedenszeit der Geschichte Europas, wo es von dynastischen, religiösen, hegemonialen und Welt-Kriegen nur so wimmelte. Unser Frieden währt seit dem 8. Mai 1945, und so muss man, will man sich nach 55 Jahren an diesen Tag erinnern, Veteranen in der Redaktion bemühen. Mit fragendem Blick sah mich Peter von Becker also an und sagte, dass sich der 8. Mai jähre und ob ich mich vielleicht noch erinnere?

Also erinnere ich mich. Pflichtgemäß - und wie! Im Mai war ich mit meiner Familie, meiner Mutter und drei Geschwistern auf der Flucht von Schlesien. Wir flohen vor "den Russen", mein Vater war Anfang Mai zu uns gestoßen, meine Mutter war hochschwanger, wenige Tage nach Kriegsende kam mein Bruder im Stall eines tschechischen Bauern zur Welt - jesusmäßige Bedingungen, aber er hat später nicht gepredigt und sich auch nichts darauf eingebildet.

Wir waren in einem Riesentreck aus vollgeladenen Pferdewagen, Treckern, Sattelschleppern und einigen Autos, zogen durch verstopfte Straßen (das Wort "Stau" gab es noch nicht), alle wollten Richtung Karlsbad, weil dort "die Amerikaner" waren. Am 7. Mai brach eine Panik aus, als sich wie ein Lauffeuer die Parole verbreitete: "Die Russen kommen!" Viele rannten querfeldein, machten mit Leiterwagen, die dann prompt zusammenbrachen, Ausbruchsversuche, Familien mit schreienden Kindern stoben wie wild auseinander - erst nach Stunden suchte man sich wiederzufinden.

In der Nacht kehrte Ruhe ein, beschädigte Fahrzeuge wurden notdürftig geflickt, Kinder beruhigt, gestillt, man hörte keine schreienden Menschen mehr, sondern nur das mahlende Geräusch der Räder und ab und zu ein Schluchzen.

Ich erinnere mich, wie sich der große Treck apathisch der Stadt Trautenau näherte. Am Ortseingang stand ein kleines Häuflein tschechischer Partisanen, in einem uniformähnlichen Aufzug. Sie trugen rote Binden, auf denen "NV" stand, nationale Front, narodni vibo, an ihnen zog der Treck vorbei, die flüchtenden Bauern und, ab und zu, versprengte Haufen der Schörner-Armee, Soldaten in einem beklagenswert abgerissenen Zustand in ramponierten Fahrzeugen: "Mit Mann und Ross und Wagen hat sie der HERR geschlagen."

Diese ganze lange Prozession zog an dem halben Dutzend tschechischer Milizleute vorbei und warf, von Lautsprechern aufgefordert, sämtliche mitgeführten Waffen auf einen Riesenhaufen abgeworfener Waffen und Munition: fünf, sechs Leute, die ganze Regimenter entwaffneten.

Ich erinnere mich, wie an einem Turm (war es ein Rathausturm?) zwei Fahnen hochgezogen wurden, nachdem die NaziFlagge eingeholt worden war: Eine rote Fahne, ihr Rot war rostiger, weniger blutfarben als das der deutschen Fahne. Und eine tschechische Fahne, die blau-weiß-rote Fahne mit dem Dreieck. Ich habe dazu Militärmusik im Ohr, feierliche, getragene ... aber das kann ein Vexierspiel der Erinnerung sein. Ich hatte, ich war elf Jahre alt, ein feierliches, ein mulmiges, ein ängstliches Gefühl: Ich dachte, jetzt ist alles aus. Und ich dachte: Endlich!

Ich hatte nicht mehr meine Napola-Hose an, aber noch das Koppel mit dem Gurt, den einzigen, den ich auf der Flucht hatte. Am Abend hat mir irgend jemand eine Feile geliehen, und ich feilte das Hakenkreuz aus dem Koppelschloß. Und das Wort: "Meine Ehre heißt Treue" (Wir "Napolisten" gehörten ja als Erziehungsobjekte der SS). So feilte ich mich in die "Stunde Null".

Später habe ich diesen Tag mit den Erwachsenen den "Zusammenbruch" genannt. Noch später habe ich mich gewundert, dass wir ausgerechnet den "8. Mai" als "Zusammenbruch" erlebten. Das Ende spürt man, den neuen Anfang nicht.

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