Kultur : Mit vollen Segeln

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Turbulente Zeiten. „Westwind“, Burens jüngste Installation bei Buchmann. Foto: Hans-Georg Gaul / Buchmann Galerie Berlin
Turbulente Zeiten. „Westwind“, Burens jüngste Installation bei Buchmann. Foto: Hans-Georg Gaul / Buchmann Galerie Berlin

Wo Daniel Buren draufsteht, stecken Streifen drin. Auch in der Galerie Buchmann ist das nicht anders. Exakt 23 Streifenfahnen hängen von der Decke und flattern im künstlich erzeugten Wind. Ventilatoren blasen von vorne. Sie bringen die soldatische Strenge der zwei Meter langen und 45 Zentimeter breiten Stoffbahnen, die in fünf Reihen präzise hintereinander Aufstellung bezogen haben, gewaltig durcheinander.

Spätestens beim Titel der Installation stellt sich die Analogie zum Militär ein: „Westwind“ hat der französische Künstler sein Werk genannt. Tatsächlich sind die Bahnen in Ost-West-Richtung angeordnet. Aus Paris weht es die Kunst also hierher, womöglich weiter gen Moskau. Was auf den ersten Blick wie ein Spiel, wie harmlose Dekoration erscheint, erweist sich beim zweiten als höchst aufgeladen. Mit wenigen Handgriffen hat Buren die topografische, politische und historische Situation Berlins erfasst und lässt doch alles offen. In seinen abwechselnd blau- und grün-weiß gestreiften Fahnen ist beim besten Willen kein Marschbefehl erkennbar.

Mit kleiner Geste läuft der Künstler zur Hochform auf. Nur einen Katzensprung entfernt verhält es sich genau umgekehrt. Im Bundesministerium für Arbeit und Soziales befindet sich dauerhaft ein anderes Werk von Buren: ein acht mal acht Meter großes gläsernes Schachbrett aus gelb-blauen Feldern, das vollkommen statisch ist. Gleichwohl verbirgt das monumentale Werk, das sich seit 2001 am hinteren Ende der Eingangshalle des Ministeriums befindet, die technischen Vorrichtungen für die Ventilation des Gebäudes. Insofern hat es doch mit Luft, genauer: mit der Belüftung, zu tun.

Fast scheint es, als habe der französische Künstler, der seit über vierzig Jahren rund um den Globus sein Streifenmotiv in öffentlichen Räumen und Museen installiert, in Berlin immer wieder eine frische Brise verspürt und den Schwung weitergegeben. Während seines mehrmonatigen Aufenthaltes 1975 als Daad-Stipendiat realisierte er hier erstmals das Projekt „Voile/Toile Toile/Voile“, bei dem er Optimisten auf dem Wannsee segeln ließ, deren Segel sein klassisches Streifenmuster trugen. In einem zweiten Schritt wurden die Stoffe als Bilder in der Akademie der Künste präsentiert, wo sie auf einmal wie shaped canvas wirkten. Nach der heiteren Bootspartie, bei der vor allem interessierte, wer die Regatta gewinnen würde, mutierten die Segel im Ausstellungsraum zu Gemälden und knüpften an einen kunsthistorischen Diskurs an.

Deutlicher, aber auch sinnlicher als mit diesem Ausflug zu Wasser hätte Buren sein Konzept kaum umsetzen können: Seine stets 8,7 Zentimeter breiten Streifen sind wie ein Lackmustest für die jeweilige Umgebung. Sie selbst erscheinen vollkommen kunstlos und stellen doch an jedem Ort dieselbe präzise Frage: Was ist hier Kunst? Was macht sie aus? Welche Rolle spielen der Raum, das Museum? Die Radikalität trägt bis heute. Man mag in Buren den Tapetenkünstler sehen. Bei jedem anderen Maler wäre es tödlich, wenn sein Werk zur Tapete wird. Für Buren, den über Siebzigjährigen, der unermüdlich eine Ausstellung nach der anderen beschickt und neue Werke produziert, wirkt das immergleiche Prinzip wie ein Jungbrunnen. Ermüdungserscheinungen scheint er nicht zu kennen, und auch sein stereotypes Muster hält sich erstaunlich frisch. Allerdings muss sich der Betrachter auf das Wechselspiel zwischen Werk und Ort, Kunstlosigkeit und Aufgeladenheit einlassen, sonst wird es dröge.

In der Galerie Buchmann war allerdings der Künstler diesmal selbst erstaunt, welch neue Facetten er seinen Streifen noch abgewinnen kann. Der von den Ventilatoren produzierte Wind bringt die Stoffe in eine sich beständig wiederholende halbkreisförmige Bewegung von geradezu skulpturaler Qualität. Das Element Luft wird zum fast greifbaren Gegenstand. Buren gelingt es, die Leere des Raumes zu gestalten, mit letztlich ein paar Lappen Dreidimensionalität herzustellen, die allein durch Bewegung, durch Luft existiert. Wenn der Künstler seine Installation also „Westwind“ nennt, so steckt einerseits Kühnheit dahinter, andererseits poetisches Nichts. Er ist derjenige, so könnte man interpretieren, der noch einmal alles durchbläst, was sich in Berlin zu verfestigen beginnt. Zu den Lieblingsthemen gehört der Jammer über die zunehmende Etablierung der Szene, das Schwinden undefinierter Räume, die der Stadt eine so hohe Attraktivität bescherten. Und doch geht es letztlich nur um Luft, etwas, das sich den Augen entzieht, flüchtig ist wie die Kunst, wenn sie vom Betrachter nicht wahrgenommen wird.

Buren gleicht darin dem Luftgeist Ariel, der kommt und geht, sich nicht fassen lässt. So hält er es auch mit seinen für die Ausstellung produzierten Fahnen. Natürlich ist der Verkauf des geschlossenen Werks (250 000 Euro) anvisiert, doch sind die einzelnen Elemente (ab 35 000 Euro) auch separat zu erwerben. Warum nicht? Man könnte sie in den vier Ecken eines Raumes platzieren. Schließlich dreht sich auch der Wind.

Galerie Buchmann, Charlottenstr. 13; bis 24.4.; Di-Sa 11-18 Uhr.

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