Kultur : Mitten im Hurricane des Weltmarktes

Michaela Nolte

Angesichts seiner Frühjahrserfolge mit Klassischer Moderne und vor allem zeitgenössischer Kunst resümierte Sotheby’s: „The market speaks in New York.“ Die jüngsten Lieblinge der Sammler sind in der Villa Grisebach mit Künstlern wie Eberhard Havekost oder Neo Rauch zwar in der Minderheit, aber beim deutschen Expressionismus ist das Angebot so herausragend, dass man auf der Vorbesichtigungstour erstmals auch einen Stopp in New York einlegte.

Anlass für die Präsentation „mitten im Hurricane des Weltmarktes“, wie es Grisebach-Leiter Bernd Schultz formulierte, bietet die Offerte zur 125. Auktion reichlich. Spitzenlose sind Beckmanns „Anni“, Noldes „Philister“ und Kirchners „Halbakt mit erhobenen Armen“ mit Schätzpreisen in Millionenhöhe. Kirchner porträtierte Doris Große, die Freundin aus Dresdner Tagen, 1910 in inniger Anmut und sinnlicher Entrücktheit. Auf der Rückseite entstand drei Jahre später ein Stillleben mit „Sonnenblumen“, das der Künstler selbst favorisierte. Welcher Seite des Wendebildes ein potentieller Käufer den Vorzug gibt, kann er dann für voraussichtlich 1,8 bis 2,4 Millionen Euro selbst entscheiden.

Rund ein Drittel der 98 „ausgewählten Werke“ bewegt sich im sechsstelligen Euro-Bereich: darunter Max Liebermanns „Gartenbank unter dem Kastanienbaum“ (600000–800000 Euro), dessen Pendant sich im Besitz der Nationalgalerie befindet, sowie Alexej von Jawlenskys mystischer „Asconeser Kopf“ (400000–600000 Euro) oder ein „Proun“ von El Lissitzky für geschätzte 200000 bis 240000 Euro. Gegenüber dem in düsteren Tönen gehaltenen „Philistern“ muten Noldes Aquarelle „Hallig bei untergehender Sonne“ und „Marschlandschaft“ (jeweils 70000 bis 90000 Euro) geradezu lieblich an, während sein „Stillleben, Jena“, das für 250000 bis 350000 Euro zum Aufruf kommt, von seiner großen Leidenschaft für die Farbe zeugt.

Nicht nur bei den Gemälden, sondern auch bei den Grafiken führt Beckmann die Preisskala an, mit erwarteten 80000 bis 100000 Euro für die handkolorierte Lithografie „Pierrot und Maske“. Ansonsten dürfte bei den Papierarbeiten Adolph von Menzels „Sohn des Justizministers Maercker“ auf besonderes Interesse stoßen. Eine Bleistiftstudie, die als Vorlage des 1848 gefertigten Aquarells diente, erzielte im vorletzten Herbst den Netto-Zuschlag von 78000 Euro. Aus direktem Familienbesitz gelangt der anrührende, schlafende Knabe nun mit 30000 bis 40000 Euro zum Aufruf.

Den Auftakt zur Auktionsstaffel macht die Fotografie, wo Ikonen der amerikanischen Dokumentarfotografie wie Dorothea Lange oder Walker Evans ebenso im Angebot sind wie das Neue Sehen mit Werner Mantz oder Albert Renger-Patzsch. Experimentelles bietet Frantisek Drtikols „Fantasie“ über den weiblichen Körper (14000–16000 Euro) sowie die Mehrfachbelichtung „Charleston“ von Yva (18000–22 000 Euro). Insgesamt liegt bei einer Gesamttaxe mit über 15 Millionen Euro die Messlatte noch einmal höher als im Jubiläumsjahr 2002.

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