„Mitten wir im Leben sind“ am HAU : Tanzen zu Bach

Eine Offenbarung: „Mitten wir im Leben sind“ von Anne Teresa De Keersmaeker am HAU vereint Tanz mit Bachs Cellosuiten.

Versunken im Klang. Der Star-Cellist Jean-Guihen Queyras.
Versunken im Klang. Der Star-Cellist Jean-Guihen Queyras.Foto: Peter Hundert

Zur Musik von Bach zu tanzen muss für Anne Teresa De Keersmaeker das pure Glück sein. Für die flämische Choreografin, die für ihre Musikalität gefeiert wird, ist der Komponist ein künstlerischer Fixstern, immer wieder kehrt sie in zu ihm zurück. Mit ihrer Interpretation von „Mitten wir im Leben sind“ widmet sie sich dem Zyklus aus sechs Cellosuiten, die Pablo Casals einmal als Quintessenz von Bachs Schaffen bezeichnet hat. Und wieder tanzt die 57-Jährige selbst mit, auch wenn sie ihren vier Tänzern großzügig die Bühne überlässt – auf der auch der weltberühmte Cellist Jean-Guihen Queyras platziert ist. Zu Beginn jeder der sechs Suiten wechselt er die Position.

De Keersmaeker gibt zuerst einen Fingerzeig: Sie blickt nach oben, streckt einen Arm in die Höhe. Das Aufwärtsstreben, Erhebung und Erhöhung, sind ein Leitmotiv dieses Abends. Immer wieder sieht man, wie die Tänzer sich in Spiralmustern in die Höhe schrauben. In der Auseinandersetzung mit Bach geht es um Geist und Materie. Die Choreografie akzentuiert die vertikale Achse, betont aber auch die Schwerkraft. Die Tänzer erscheinen ganz erdverhaftet, bis die Energie wieder aufsteigt gen Himmel – und man hat den Eindruck, dass die Tänzer dann förmlich über sich hinauswachsen.

Die ersten vier Suiten hat die Choreografin jeweils einem Tänzer zugeordnet, was deren Individualität gut zur Geltung bringt. Der leichtfüßige Michäel Pomero sinkt behände zu Boden und katapultiert sich mühelos wieder in die Höhe. Er malt schöne Bögen in den Raum und begeistert mit verschraubten Sprüngen. Julien Monty bindet sich rhythmisch enger an das Cellospiel. Einmal kauert er sich sich zu Füßen von Queyras, um nur den Klängen zu lauschen. Marie Goudot mit ihren übermütigen Sprüngen, scharfen, schnellen Bewegungen, entlockt Queyras sogar ein Lächeln. Manchmal sind die Korrespondenzen zwischen Musik und Tanz geradezu verblüffend, dann wiederum wirkt das Zusammenspiel der Elemente eher schlicht, konzentriert.

Jedes Duett besitzt eine andere emotionale Färbung

In den Allemanden kommt De Keersmaeker selbst hinzu und zieht jeden ihrer Tänzer in ein Duett. Die silberhaarige Meisterin gibt die Bewegungen vor, die die Tänzer dann mit minimalen Verschiebungen aufgreifen oder kontrastieren. So führt sie immer neue Variationen ihres choreografischen Materials vor. Jedes Duett besitzt eine andere emotionale Färbung, bildet eine andere Form der Komplizenschaft, auch wenn der Tanz im Abstrakten verhaftet bleibt. Einmal erlaubt De Keersmaeker sich eine Anspielung an barocke Tänze, dann berühren sie und Marie Goudot sich zart an den Fingerspitzen. Eine hübsche Galanterie.

Die flämische Choreografin ist nicht zuletzt berühmt dafür, wie sie den Raum zu organisieren versteht. Auf dem Bühnenboden zieht sie geometrische Muster aus Kreisen, Pentagrammen und sich überschneidenden Linien. Da die räumlichen Konstellationen mit jeder Suite wechseln, können die Zuschauer das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Wenn De Keersmaeker den Tanz zurücknimmt, rückt der bravourös aufspielende Queyras in den Fokus. Wie er das klangliche Spektrum des Bach-Zyklus auslotet, ist eine Offenbarung.

Dialog zwischen Queyras und den Tänzern

In der fünften Suite verdüstert sich die Bühne dann, das Solo von De Keersmaeker mutet an wie eine Reise in die Finsternis. Umso strahlender erklingt die sechste Suite. Queyras sitzt nun im Hintergrund und hat die fünf Tänzer fest im Blick. Wenn das Quintett die eingeführten Figuren neu interpretiert, entsteht der Eindruck von Polyphonie. Wenn die Tänzer kurz innehalten und die Hände nach ihrem Gegenüber ausstrecken, bekommt die Szene fast etwas Skulpturales.

Mit jeder Suite entspinnt sich so ein inniger Dialog zwischen Queyras und den Tänzern. Gemeinsam durchmessen sie ein Spannungsfeld zwischen dem Schweren und Leichten, dem Physischen und dem Spirituellen. Ein wahrhaft erhebender Abend.

HAU 1, noch bis zum 13.12., 20 Uhr

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