Kultur : Mobile Parklandschaften

VANESSA MÜLLER

Natur ist das, was ist, und Kunst ihr kritisches Abbild? Tatsächlich haben beide Parteien längst den Bereich der subtilen Dialektik verlassen, um einzutreten in einen Zustand gesteigerter Desorientierung, bei dem die Begriffe sich aufzulösen beginnen. Schon der Ausstellungstitel "Natural Reality" spielt mit der Nähe zu den "Virtual Realities": Auch die Natur ist zum Realitätsdesign geworden. Die von Heike Strelow kuratierte Schau im Aachener Ludwig Forum zeigt jetzt Arbeiten von 32 Künstlern, die diesem Diskurs über den Standort des Menschen in Natur und Umwelt neue Impulse geben. Denn nach einer ersten Kontaktaufnahme von Kunst und (Real-)Natur im Zeichen der Öko-Welle in den 70ern haben Künstler erneut die Rolle der Aufklärer übernommen, um die vielfältigen Rückkoppelungseffekte von Mensch und Umwelt zu erforschen. Als Seismographen mit Blick für das Natur- wie Kunstschöne operieren sie in der Nachfolge von Joseph Beuys und Robert Smithson zwischen Kunst und Wissenschaft, um auch die Grenzen der Erkenntnis von Flora und Fauna auszuloten. Die kategoriale Bestimmung vieler Werke heißt deshalb auch nicht "natürlich", sondern "natur-identisch".Die digital manipulierten Landschaftsfotografien von Catherine Dlugos beispielsweise sind viel zu schön sind, um wahr zu sein: klassisch komponierte Tafelbilder, in denen alle Schwachstellen im Realraum "Natur" erfolgreich eliminiert wurden - perfekte Retusche zugunsten des pittoresken Panoramas. Georgina Starr tollt währenddessen als bizarrer Video-Kobold einsam durch das Kunstrasenambiente ihrer privaten "Starrwood"-Vegetation. Das mutet an wie ein fröhliches Idyll im Trash-Design, entpuppt sich bald jedoch als Entfremdung im künstlichen Paradies. Olaf Nicolais "Module" schließlich verwandeln modernes Parkbankdesign in Betonskulpturen mit Hydropflanzen. Die Natur-Deko paßt sich in Nicolais Innenraum-Version auffallend gut dem Museumsambiente an: Palmen im Foyer der Kunst als Exotik-Oase und Surrogat dessen, was in natura gar nicht existiert.Breiten Raum bietet die Ausstellung den Künstlern als Natur- und Kulturforscher. Mark Dion ist einer dieser Pseudo-Wissenschaftler und hat akribisch fotografiert, was auf einem Quadratmeter Wiese so alles krabbelt. Sein Atlas der Insekten- und Käferwelt in strengem Schwarz-Weiß sieht überzeugend wissenschaftlich aus, ist es aber nicht. Andere Arbeiten sehen ein wenig sehr nach Erdkunde oder Biologie-Unterricht aus: Aktionen in Tradition der Land Art, deren Dokumentation ganze Räume füllt, oder aber die Versuchsstation von Henrik Håkansson, in der Grillen per Videoprojektion zu Medienstars der Tierwelt hochgebeamt werden. So richtig zum Tragen kommt das Paradox einer Natur, die nur mehr im Medium der Kunst faßbar wird, im Außenraum, wenn einige "Parks on Trucks" von Eve Andrée Laramée den Aachener Stadtraum temporär um Fragmente englischer Gartenbaukunst oder tropischer Wiesenkultur erweitern. So fahren Bäume und Sträucher auf Lastwagen als mobile Landschaftsfragmente durch die Innenstadt , um für einige Tage verkehrsberuhigte Zonen in Grünflächen zu verwandeln: Stadtteilverschönerung der anderen Art, die zeigt, wie sehr der Begriff "Natur" bereits auf Blumenbeet-Format geschrumpft ist.

Ludwig Forum Aachen, bis 3. Oktober

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