Kultur : Molière mit Fernbedienung

THEATER

Christoph Funke

Unter die Autoren ist er gegangen, Molières eifernder, falschzüngiger, geiler „Tartuffe“ , und vom 17. Jahrhundert hat er sich flott ins Gegenwärtige geflüchtet. In der Berliner Tribüne geistert er nun als weißgewandeter Sektenguru indischer Art herum, ein bisschen blässlich, ein bisschen nervös, ein bisschen unsicher (Rainer Reiners) – was durch ihn und mit ihm geschieht, vermag er nicht recht nachzuvollziehen. Mit Religion jedenfalls hat dieser Schöpfer eines Erbauungs-Büchleins nichts am Hut, eher mit Esoterik und ein paar Entspannungsübungen, und gern inszeniert er psychedelische Licht- und Toneffekte – mit der Fernbedienung.

Regisseur und Bearbeiter Braband hat sich da gehörig verlaufen. Er zielt in seiner Fassung der Molière-Komödie (wieder am 20. sowie vom 23. bis 27. September) auf die Lebensart-Päpste unserer Zeit und ihre verführerische Wirkung, hat dafür aber keinen Text und keinen Beleg. Die religiöse Bigotterie, die hinterhältige, tödlich bedrohende Orgie des Heuchelns hat er gestrichen, damit bleibt für den Eiferer nicht viel mehr als ein in die Ferne gerichteter Blick und plötzlich erwachende, wenn auch unglaubwürdige erotische Gier. Orgon (Frank-Lorenz Engel), der sich den Prediger ins Haus holte, firmiert nun als Verleger und fordert absoluten Gehorsam von der Familie, die in einem unpersönlich zeitgenössischen Kasten-Mobiliar mit schräger Wand und versteckten Bücherregalen unter dem leuchtenden Porträt des Verehrten lebt.

Und doch, gespielt wird zumeist unangestrengt und flott. Besonders im fünften Akt, wenn sich die Ereignisse überschlagen, gibt es einen hübschen Wechsel zwischen hoher Reim- und niedriger Alltagsebene, taumeln die Figuren durch lustvoll hochgetriebene Emotionen, löst sich alles im übermütigen Spiel, das sich um Bedeutungen nicht mehr schert.

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