Kultur : Monaco träumt von Berlin

Kopisten am Mittelmeer: Nicht arm und folglich auch nicht sexy. Wie Berliner Kunsttristesse die Monegassen begeistert.

Werner Bloch

Wie löst man die Probleme Berlins auf einen Schlag? Georg Baselitz hat dazu einen launigen Einfall. Berlin, so der Maler, solle einfach werden wie Monaco. Mehr Leichtigkeit! Steuerfreiheit für alle! Dann würde auch in den Berliner Galerien viel mehr gekauft.

Das Dumme ist: Es läuft genau umgekehrt. Inzwischen versucht Monaco längst, wie Berlin zu werden. Vor drei Jahren öffnete dort das funktionierende Nationalmuseum, das Musée national de Monaco (NMNM), das in der noblen Villa Paloma residiert. Seit einigen Tagen wird in dem Kunstpalast eine Schau gezeigt, die sich „Le silence“ nennt und es mit den finstersten, depressivsten und verzweifeltesten Künstlern Berlins aufnehmen kann. Es ist ein Blick zurück aus der Apokalypse. Gezeigt werden Objekte, die übrig geblieben sein könnten, wenn sich die Welt, wie wir sie kennen, erst einmal verabschiedet hat. Geplatzte Rohre und silbrige Maschinenteile, Fotos aus der heruntergekommenen Industriestadt Detroit, Bilder, die von Ratten zerfressen sind, Zeichnungen, die nur aus Schatten bestehen.

Dieser triste Abgesang auf das Leben – man würde ihn nicht in der heiteren Stadt am Mittelmeer erwarten, sondern eher in Kreuzberger Ateliers der achtziger Jahre. Und doch träumt Monaco von Ernsthaftigkeit, von Schwarz-Weiß, von Großstadtmelancholie. Monaco träumt von Berlin.

Eine Ausstellung mit Thomas Demand haben sie dort bereits hinter sich, dem ernsthaftesten, pedantischsten, berlinischsten aller deutschen Fotografen, der den Fundus des Museums durchstöbert und seine komplexen Apparaturen aufgebaut hat; auch das Ozeanographische Museum wurde geplündert, der Engländer Mark Dion hat dort verstörende Reste gesichert.

So düster möchte Berlin nicht sein! Berlin ist inzwischen viel heiterer als die enge Stadt am Mittelmeer, in der das große Geld festsitzt, was bedeutet, dass Monaco nicht arm ist und folglich auch nicht sexy sein kann. Von Museen verstehen sie da ohnehin nicht viel. Das frühere Museum der Schönen Künste wurde 1962 zugemacht, abgerissen und der Bauplatz an Spekulanten verhökert. Es wurde durch eines jener charakteristischen, vom Geld getriebenen Hochhäuser abgelöst, die das Stadtbild der Monegassen prägen. Wer Steuerbefreiung will, der muss sich dort wohl oder übel einrichten. Vielleicht ist es dann ja doch besser, einfach in Berlin zu bleiben.

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