Monat der Fotografie : Der kostbare Moment

Noch nie entstanden täglich so viele Bilder. Berlins Monat der Fotografie sucht Qualität in der Inflation – an 150 Orten mit 500 Künstlern.

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Die Abfahrer. Klaus Richters Porträt „Balázs“ (2016) erinnert an die Aufbrucheuphorie von „Tschick“.
Die Abfahrer. Klaus Richters Porträt „Balázs“ (2016) erinnert an die Aufbrucheuphorie von „Tschick“.Foto: Ostkreuzschule / © Klaus Richter

Kaum ist die Berlin Art Week zu Ende, da startet die Kulturprojekte GmbH, ein Tochterunternehmen des Kultursenats, schon das nächste Festival: den European Month of Photography (EMOP). Pause machen gilt nicht, zumal die Fotografie in der Hauptstadt eine der am stärksten expandierenden künstlerischen Gattungen ist. Anders als in der bildenden Kunst, wo die Schließung von Galerien, Abwanderung von Künstlern und Teilnehmerschwund auf der Kunstmesse ABC beklagt wird, gibt es hier einen kontinuierlichen Zuwachs. Allerdings bleibt einzuschränken, dass sich die Zahlen – sowohl ökonomisch als auch aufseiten der Macher und Präsentationsorte – im Vergleich auf weit niedrigerem Niveau bewegen.

Mit ihrer schieren Produktivität ist die Fotografie aktuell allerdings kaum zu übertreffen, ob in Berlin oder anderswo. Zehn Prozent aller jemals weltweit aufgenommenen Fotos sollen in den letzten zwölf Monaten gemacht worden sein, so die Statistiker. Tag für Tag entstehen Milliarden Bilder, mit dem Handy, dem Tablet, dem Computer, der analogen Kamera. Wie ist dieser Bilderflut Herr zu werden? Wer ordnet sie nach Bedeutung, Qualität? Was davon besitzt relevante Information? Worin steckt Wahrheit, was ist manipuliert?

Diesen Fragen stellt sich auch der diesjährige Month of Photography: „Filtering Reality“ lautet das Motto der Eröffnungstage. Bis zum Sonntag finden bei C/O Berlin, der inzwischen wichtigsten Fotogalerie der Stadt, Panels, Talks und MusicActs statt. Stars wie Sophie Calle, Joel Meyerowitz, Paul Graham lassen sich befragen, Londoner Museumsleute wie der Victoria-&-Albert-Direktor Martin Roth oder Tate-Modern-Kurator Shaoir Mavlian verraten ihre Strategien.

Gelbe Bojen als Blickfang

Hier nimmt ein mit 300 Veranstaltungen und 500 Künstlern an 150 Spielstätten geradezu überwältigender Ausstellungsreigen seinen Ausgang, der für vier Wochen unter dem gelb-schwarzen Veranstaltungslogo „EMOP“ steht. An der Fassade des Amerika-Hauses, wo die C/O-Galerie residiert, hängen in dieser Zeit als Blickfang werbeträchtig gelbe Bojen. Damit seien während der Vorbereitungsphase die Zusammenstöße zwischen dem Tanker Kulturprojekte GmbH und dem kleinen Beiboot C/O Berlin abgefedert worden, verrät Stephan Erfurt, Vorstandsvorsitzender der C/O-Foundation, die weitere symbolische Bedeutung der an Land eher überraschenden nautischen Hilfsmittel.

Ganz mag man ihm die Bescheidenheit nicht abnehmen, denn C/O steht heute für den Wiederaufstieg Berlins zur Fotostadt. Jahrzehntelang sah es danach nicht gerade aus. In den zwanziger Jahren hatten hier die wichtigsten Fotografen gearbeitet, in Berlin wurde das Neue Sehen erfunden, der moderne Fotojournalismus nahm hier seine Anfänge. Wie in der bildenden Kunst führte auch auf diesem Gebiet der Nationalsozialismus 1933 zur Zäsur, die wichtigsten Protagonisten wurden in die Emigration gezwungen. Häufig aus Osteuropa kommend, zogen die Avantgarde-Fotografen weiter in den Westen, mit Paris als nächster Station.

Seit gut sechs Jahren gewinnt Berlin sukzessive seinen Ruf als wichtige Produktions- und Präsentationsstätte der aktuellen Fotografie zurück. Auf das Fotogenre spezialisierte Galerien werden eröffnet, allein sechs Fachschulen gibt es in der Stadt. Einen weiteren Indikator stellt nicht zuletzt der Monat der Fotografie dar. 2004 als Idee aus Paris importiert und seitdem eine europaweite Veranstaltung im Zwei-Jahres-Rhythmus mit Partnern in Athen, Bratislava, Budapest, Ljubljana, Luxemburg und Wien, legte die deutsche Ausgabe seit 2010 so stark zu, dass der Berliner Ableger heute als das größte Fotofestival gilt. Zwei Millionen Besucher kamen im vergangenen Jahr. Mit einer weiteren Steigerung ist nun zu rechnen, denn mit dem Erfolg hängen sich weitere Veranstaltungen an. Erstmals wurde der Leica-Preis nicht in Arles, sondern nun in Berlin verliehen, am 6. Oktober stößt die Foto-Biennale im Palazzo Italia Unter den Linden hinzu und der Bundespräsident bat Größen der Gilde wie Peter Lindbergh, Herlinde Koelbl, Andreas Gursky, Thomas Struth und Candida Höfer am Freitagabend ins Schloss Bellevue zur Soiree.

Charlottenburg als Epizentrum

Auch wenn sich die Ausstellungen über die ganze Stadt verteilen, ist das Epizentrum der Bewegung doch in Charlottenburg auszumachen. Seit dem Sommer haben sich hier C/O Berlin und das nur wenige Gehminuten entfernte Museum für Fotografie samt der Helmut- Newton-Stiftung verbündet. In der Stiftung finden an diesem Wochenende die Book Days mit insgesamt 35 Fotobuch-Verlagen statt, die drei Häuser bilden eine kleine Museumsinsel für Fotografie am Bahnhof Zoo. Ab nächsten Sommer wollen sie aufeinander abgestimmte Ausstellungen präsentieren.

Der Monat der Fotografie selbst ist von Koordination hingegen weit entfernt. Wie bei der Berlin Art Week gibt es keinen roten Faden. Wer unter das gemeinsame Dach rücken wollte, musste nur bei einer Jury vorstellig werden, inhaltliche Vorgaben existierten nicht. Trotzdem lassen sich Trends ablesen, etwa eine neue Vorliebe für Schwarz-Weiß. Junge Fotografen beginnen wieder von Hand abzuziehen. Der Fülle digitaler Bilder setzen sie die besondere Einzelaufnahme entgegen. Und noch etwas hat Ute Mahler festgestellt, Mitbegründerin der Agentur Ostkreuz und Jurymitglied. Plötzlich sind die persönlichen Themen wieder en vogue, wie sie bei der Festivaleröffnung bei C/O konstatierte. Die große Politik ist schnell im Netz. Ambitionierte Fotografen wollen lieber darstellen, wie deren Folgen in der privaten Sphäre sichtbar werden.

Aber auch der Gegenbeweis lässt sich in der Fülle des Angebots schnell erbringen, sogar im selben Haus, bei C/O. Die Londoner Künstler Adam Broomberg und Oliver Chanarin präsentieren ihren Fotoatlas „Divine Violence“, für den sie in Anlehnung an Bert Brechts 1955 im Exil entstandene „Kriegsfibel“ Bilder aus dem Netz auf die 722 Seiten einer Bibel appliziert haben, assoziiert mit unterstrichenen Zeilen. Die Herkunft der beiden als Fotoredakteure ist sofort zu spüren. Im Kontext einer gewaltgesättigten Heiligen Schrift entwickelt die Auswahl ihrer Bilder von den Katastrophen der Welt eine geradezu apokalyptische Wucht. „Divine Violence“ erzählt von der Macht der Bilder, der Anhäufung in unseren Köpfen. Der Monat der Fotografie fügt weitere hinzu, eine Auswahl ist gemacht. Nun muss nur noch das Publikum den Weg finden.

Alle Veranstaltungen und das Programm der Opening Days unter: www.emop-berlin.eu/de/

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