Kultur : Montag links oben: Deutschland, Leiche, Mutter

Am nächsten Montag: Else Buschheuer. Ihr Them

German Psycho (I): Stellen Sie sich vor, Ihr Name ist L. Sie sind 40 und leben mit Ihrer 74-jährigen Mutter in einer kleinen Wohnung in Berlin-Tegel. Soeben ist Ihre Mutter entschlafen. Was tun? Beerdigungen sind teuer, Geld verdient haben Sie schon länger nicht mehr. Warum auch, schließlich haben Sie in den letzten Jahren von Mutterns Rente ganz ordentlich gelebt. Verzagt greifen Sie zum Telefon, einen Krankenwagen zu rufen, da kommt Ihnen eine Idee. Wenn niemand erfährt, dass Ihre Mutter gestorben ist, hört niemand auf, die Rente zu überweisen. Ecco un genio! Setz die Mama in den Sessel, und alles bleibt, wie es gewesen ist. Sicher, die ersten Monate könnten geruchlich hart werden, aber irgendwann fängt die zähste Leiche an, vom Stadium des Verwesens in das des Skelettierens überzugehen.

German Psycho (II): Herr M. hat Angst. Angst um Deutschland. Nacht für Nacht liegt er in seinem Bett und wälzt sich. Er liebt sein Land. Weil er sein Land liebt, sieht er, dass es immer schwächer wird. Immer anämischer. Deutschland blutet aus. Weil seinen Söhnen und Töchtern der Saft abhanden gekommen ist. Irgendwie hat das deutsche Volk keine Lust mehr. Spaß schon, Spaß wie noch nie, aber eigentlich keine Lust auf nichts, das spürt Herr M.. Kein Schwung mehr im deutschen Zeugungs- und Gebärgetriebe. Germanias Kinder tun nichts mehr, um Germania gesund zu halten. Nuckeln sich einfach an der Mutterbrust fest und saugen ihr, wenn keine Milch mehr fließt, eben das Blut aus.

Unruhig wirft sich Herr M. von der einen auf die andere Seite. Vor seinem brennenden Auge tauchen Zahlen auf, die ihm seine Demographen letzte Woche vorgelegt haben. Alarmierende Zahlen. Ein deutscher Jahrgang hat heute noch knapp 800 000 Angehörige. Diese Zahl nimmt pro Jahr um ein Prozent ab. Das heißt, die nächste Generation wird um - Herr M. rechnet: 30 Jahre, jedes Jahr 8 000 Deutsche weniger, das macht - 240 000 von 800 000 - also um ein Drittel kleiner sein als die Elterngeneration.

Herrn M. wird schwindelig. Er steht auf, tappt mit nackten Füßen zum Waschbecken, schenkt sich ein Glas Wasser ein. Eiskalt steht sie vor ihm, die Wahrheit: Was 50 Jahre Demokratie nicht geschafft haben, der Demographie wird es gelingen: Die Deutschen sterben aus. Panik erfasst Herrn M., er beginnt zu rechnen, Mitternacht ist vorbei, er muss weiterrechnen, die Zahlen gehen mit ihm durch. 300 000 junge, kranken-, renten-, sozialkasseneinzahlungswillige Zuwanderer müssten jährlich ins Land kommen, um Deutschland zu retten. 300 000 jährlich! Macht in zehn Jahren drei Millionen, in 100 Jahren gar 30 Millionen Zuwanderer in Deutschland! Herr M. schließt die Augen. Tränen steigen in ihm auf. Wo soll das nur enden. Mit dem deutschen Reinheitsgebot und überhaupt. Ein Multikultisaft wird es werden, das deutsche Blut, ein wild gemixter Multikultisaft! Und nur, weil die Deutschen keine Lust mehr haben!

Herr M. wird zornig. Mutterkreuz! denkt er, Lebensborn! Er weiß, dass er das nicht denken darf. Wie er all das nicht denken darf, was jetzt helfen würde. Dabei hat er es so klar erkannt, das deutsche Dilemma: Führer oder Unglück, den dritten Weg gibt es nicht. Verfluchte Klemme, stöhnt Herr M. nun wie weiland Wagners Nibelung, da kleb ich fest. Aber es kann doch nicht sein, dass alle Begriffe, mit denen er das deutsche Volk jetzt aus seiner Lethargie reißen könnte, im Giftschrank der Geschichte stehen.

Herr M. zerwühlt sein müder werdendes Gehirn. Leitung? Leiten? Das könnte gehen. Deutschland braucht einen neuen Leiter. Nein, das hat noch nicht die Strahlkraft. Klingt zu bürokratisch. Aber das mit dem Leit- ist nicht schlecht. Leit-zins, Leit-hammel, Leit-wurst, Leit-wesen ... Herr M. fährt auf. In die Senkrechte geschleudert von der Wucht des soeben geborenen Begriffes: Leitkultur! Warum ist er da nicht sofort draufgekommen! Das einzige Wort, das dem Deutschen quasi aus der Seele geschnitten ist und das er dennoch in den Mund nehmen darf: Kultur! Deutschland braucht eine - deutsche Leitkultur! Lange vermisstes Glück durchströmt Herrn M. Damit keiner diesem säuglingsfrischen Begriff etwas antun kann, beschließt Herr M. - nicht ohne ein Lächeln -, ihm ein kleines "freiheitlich" als Tarnkäppchen überzustülpen. Freiheitliche deutsche Leitkultur! Zum ersten Mal seit Wochen schläft Herr M. selig ein.

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