Kultur : Montag Links Oben: Schöne Ferien

Nächste Woche: Else Buschheuer

Bald sind Ferien. Ferien sind die schönste Zeit des Jahres. In der Ferienzeit hat das Verbrechen Saison. Während sich der Berliner im Süden tummelt oder auf den Philippinen entführen lässt, haben die Einbrecher hier daheim endlich Zeit, ihrem Handwerk in Ruhe nachzugehen. Wie wir alle wissen, ist Ruhe eine wichtige Voraussetzung dafür, dass aus schlichtem Handwerk goldenes Handwerk wird. Doch nicht nur Einbruch und Diebstahl kommen im Urlaubsbiotop zur vollen Blüte, nein, ganz normale Familien erleben blutige Tragödien bei dem unschuldigen Versuch, einmal im Jahr richtig auszuspannen.

Die erste Gefahrenzone ist das Feld der Urlaubsvorbereitungen: Wer packt was ein und warum? Immer wieder hören wir davon, dass sich das extralange Fahrtenmesser, welches bereits auf dem Grund der Tasche des Sohns ruhte, plötzlich im Rücken der Mutter wiederfand. Extreme Gefahren der innerfamiliären Gewalteskalation birgt die Phase rund um die Abreise. Falls die Familie mit dem privaten Pkw reist (oder noch gefährlicher: mit dem eigens angemieteten Wohnmobil!), sage ich nur: Verstauen des Gepäcks! Wieviele Ehen sind in die Brüche gegangen, weil beide Partner unvereinbare Konzepte von Ladetechnik vertraten.

Gefährlich auch der Beginn der Reise. Dialog, kurz hinter Dessau: "Hans, hast du die Federballschläger eingepackt?" "Wieso ich? Die wolltest du doch einpacken!" "Lüg nicht. Du weißt ganz genau, dass ich dir gestern abend gesagt habe, dass du an die Federballschläger denken sollst." Das Entscheidende an diesen Gepäck-Check-Dialogen ist, dass sie stets so lange geführt werden, bis ein Partner etwas entdeckt hat, was der andere vergessen hat. Und sie werden vom anklagenden Teil immer erst dann begonnen, wenn diesem selbst klar ist, dass es für eine Umkehr, um das Vergessene einzusammeln, zu spät ist. Passiert die reisende Familie also vollzählig und körperlich unversehrt die südliche Grenze unseres Landes, dürfen wir von einem ersten Urlaubserfolg sprechen.

In der zweiten Haltebucht hinter der Grenze wartet ein Verkehrspolizist, der den Pkw an die Seite winkt. Nach längerem Geplänkel in zwei mehr oder weniger europäischen Sprachen zahlt der Ehemann schließlich, was er an Barem umgetauscht hat, allzu viel ist es nicht, schließlich weiß er ja aus der Werbung, dass im Ausland alle 23 Sekunden ein deutscher Urlauber bestohlen wird. Immerhin reicht das Geld, damit sich der fremde Polizist beim Kostümverleih eine neue Uniform kaufen kann. Die südliche Sonne beginnt zu sinken, die Familie nähert sich ihrer Destination: Da endlich, das Meer!! Die Stimmung steigt, wie die Quecksilbersäule am Armaturenbrett in den letzten Stunden gestiegen ist. Der Sohn will noch baden, die Tochter reibt sich den Bauchnabel mit Sonnenöl ein, die Mutter findet, dass man erst das Hotel ansteuern muss, der Vater spricht ein Machtwort.

Das Hotel ist von außen so schön bonbonrosa wie im Prospekt, und wenn man das Extrabett, das ins Zimmer gestellt wurde, zusammenklappt, kann man sogar die Schranktüren öffnen. Der Balkon hat den versprochenen Blick, zwar nicht aufs Meer, sondern auf den kleinen Fluss, der aus einem Betonrohr oberhalb des Strandes herausrinnt, aber Wasser ist Wasser. Die Mutter packt ihr Nachthemd aus dem Koffer. Noch weiß sie nicht, dass sie es in dieser Nacht zum letzten Mal tragen wird.

Das Zimmermädchen hat eine Cousine in Rimini, und die hat Satin-Nachthemden gern. Der Vater geht mit der Videokamera auf den Balkon und filmt den Sohn, wie er im Flüsschen planscht. Der Sohn wird von dem Bad einen gefährlichen Hautausschlag kriegen, aber der Vater wird nicht mehr beweisen können, dass sein Sohn in diesem Fluß gebadet hat, denn die Kamera ist samt Film bereits auf einem Flohmarkt in Pesaro an einen holländischen Touristen zum doppelten Preis verkauft worden, zu dem der Vater sie im Berliner Elektromarkt gekauft hat. Dass das Auto in den nächsten drei Wochen gleich zwei Mal geknackt werden wird, wird die Familie nicht mehr allzu sehr erschüttern, schließlich wurde beim ersten Knacken schon ausgeräumt, was an Strohhüten und Badematten auszuräumen war. Einen Trost gibt es, wenn die Familie nach dem Urlaub wohlverdient in die Hauptstadt zurückkehrt: In ihrer Wohnung ist alles ordentlich. Ihre Wohnung ist leer.

Schöne Ferien wünscht Ihnen
Ihre Thea Dorn

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