Kultur : Moral allein ist nicht abendfüllend

JULIA REHDER

Bei manchen Dingen hinterläßt die Zeit eben keine Spuren.Was nicht heißt, daß sie zeitlos wären.Ganz im Gegenteil."Jedermann", der Dauerbrenner von Hugo von Hofmannsthal aus dem Jahre 1911, ist so ein Fall.Das Schauspiel mit dem schwülstigen Pathos ist hoffnungslos überlebt.Doch das müßte es nicht sein.Zwar will heute wirklich keiner - als auch nicht Jedermann - über die Schlechtigkeit des Geldes philosophieren und die Menschheit aufs einfachste in Gut und Böse kategorisiert wissen, doch die tiefgründigere Thematik, etwa die verlorengegangene menschliche Bindung in Zeiten materiellen Überflusses, würde auch heute noch bewegen.

Dazu bräuchte es allerdings Mut.Mut zu einer modernen Inszenierung.Der fehlt der Aufführung im Berliner Dom unter der Regie von Brigitte Grothum, die damit an ihre früheren "Jedermann"-Aufführungsserien anknüpft.Zwar versucht sie, indem sie das Stück statt mit einem Spielansager mit einem Prolog einleitet, einen aktuellen Zusammenhang herzustellen, bleibt allerdings im weiteren Spielverlauf stark am Original haften.Woran - so drängt sich die Frage auf - liegt nur dieser Hang zum Konservatismus, sobald es sich um das Bravour-Stück des Wiener Klassikers handelt? Ist das Stück wirklich so heilig?

Vordergründig mag das zutreffen: Auf der Bühne befinden sich Jedermann (Joachim Hansen) und der Tod (Peter Sattmann) im Zwiegespräch, der Teufel (Wolfgang Gruner) selbst steigt auf die Kanzel, und geläutert betet Jedermann schließlich das Vater Unser nach - die allegorische Figur "Glaube" (Brigitte Grothum) hat ihn gerettet.Doch selbst dieser Gesinnungswandel des reichen Egozentrikers vermag keine Gefühle zu wecken.Moral ist als alleinige Botschaft zu aufdringlich.Nur eine zeitgemäße Inszenierung würde das Schauspiel und den Zuschauer ernst nehmen und dem Jedermann seine Allgemeingültigkeit zurückgeben.

Bis 1.November, täglich 20 Uhr, Sonnabend und Sonntag auch 16 Uhr.

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