Kultur : Morgens Romane, abends Zahlen

Ein Treffen mit dem Verleger und Schriftsteller Jo Lendle, der ab 2014 den Hanser-Verlag leitet.

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Fühlt sich gut an. Jo Lendle, 44. Foto: Imago
Fühlt sich gut an. Jo Lendle, 44. Foto: Imago

Es braucht ein wenig Überredungskunst, um den zukünftigen Hanser-Verleger Jo Lendle zu einem längeren Gespräch zu bewegen. Er wolle Michael Krüger schließlich nicht „schon von der Seite reinflüstern“, antwortet Lendle auf eine erste Anfrage. Seine Tätigkeit bei dem neben Suhrkamp vielleicht bedeutendsten, zahlreiche Literaturnobelpreis- und Büchner-Preisträger verlegenden Literaturhaus beginne ja erst Anfang 2014, noch sei er beim DuMont-Verlag tätig.

Tatsächlich ist die Zeit des Übergangs eine ungewöhnlich lange. Die Personalentscheidung wurde kurz vor Weihnachten 2012 erstaunlich früh bekannt gegeben. Doch ist dieses eine Jahr wiederum nichts im Vergleich zu der langen Zeit, in der die Verlegerlegende Michael Krüger einen Nachfolger gesucht hat. Vor sieben Jahren erzählte Krüger dem Tagesspiegel, dass er schon einmal versucht habe, einen Jüngeren einzuarbeiten, höchst erfolglos. Fest aber stand für ihn: „Es sollte jemand sein, der eine neue Generation in den Verlag mitbringt.“

Mit Jo Lendle, der 1968 in Osnabrück geboren wurde und in Göttingen aufwuchs, haben Krüger und der in München residierende Hanser Verlag diese neue Generation jetzt gefunden. Tatsächlich wirkt Lendle, wie er einem im Café gegenübersitzt, nicht wie ein Mittvierziger, wie der Vater von zwei Kindern im Teenager-Alter. Er strahlt viel Jugendlichkeit aus. Im Februar verabschiedete er sich bei DuMont in Köln und konnte im März in Leipzig erstmals auf einer Buchmesse einfach herumstreunern, ohne Terminstress, „als Privatier“.

Nun ist er aber auch schon fleißig damit beschäftigt, Manuskripte von  Hanser-Autoren zu lesen und sich mit diesen zu treffen. „Dabei ist es nicht schwer, Pläne für Hanser zu machen“, sagt er. „Natürlich kommt da jemand hin, der an den Büchern dieses Verlags Freude hat, der den Verlag jetzt nicht neu einfärben, gar umstrukturieren soll. Da geht es eher um Nuancen des Verlegens.“

So überraschend die Meldung war, dass er Krüger nachfolgen solle, so nahe lag diese Entscheidung letztendlich, denn so viele aus seiner Generation gibt es in vergleichbaren Positionen nicht. Lendle ist von Krüger vorgeschlagen worden – und auch der Hanser-Aufsichtsrat hatte ihn sich ganz unabhängig von Krüger als Nachfolgekandidaten ausgeguckt. Lendle kennt das Chefsein schon längere Zeit. Drei Jahre leitete er als verlegerischer Geschäftsführer den DuMont-Buchverlag, bei dem er 1997 als Lektor angefangen hatte.

Damals wurde bei dem Kunst- und Reisebuchverlag unter dem Verleger Gottfried Honnefelder erstmals ein Literaturprogramm aufgelegt. Als im Jahr 2006 Marcel Hartges auf den heutigen Börsenvereinsvorsteher Honnefelder folgte, stieg Lendle zum Programmleiter für deutschsprachige Literatur auf. „Da schaut man dann schon anders hin, wie Bücher eingekauft, gemacht und vermarktet werden“, so Lendle. Entscheidend aber war für ihn die kurze Zeit, in der nach dem Weggang von Hartges Lutz-W. Wolff den DuMont-Verlag leitete. „Da habe ich mich oft gefragt, wie ich entscheiden würde, und mir endlich auch selbst zugetraut, einen Verlag leiten zu können.“ Er fügt an: „Ich hatte ursprünglich jedoch, das können Sie mir glauben, nie den Vorsatz, selbst Verleger zu werden“. Dann lacht er verschmitzt und gesteht: „Es fühlt sich trotzdem gut an.“

Man könnte auch sagen: Jo Lendle hat im Verlauf seiner beruflichen Karriere die Seiten gewechselt, ohne das eine für das andere vollständig aufzugeben. Denn er ist nicht nur Verleger, sondern auch Schriftsteller, wie Michael Krüger im Übrigen auch. Nach Studienzeiten in Hildesheim und Montreal absolvierte er zwischen 1995 und 1997 den ersten Jahrgang des Leipziger Literaturinstituts und veröffentlichte sein erstes Buch in der Edition Suhrkamp, „Unter Mardern“, ein Band mit Prosaminiaturen. Obwohl er feststellen musste, wie schwer es ist, das eigene Schreiben und die Betreuung von Büchern anderer Autoren zeitlich, organisatorisch und gedanklich unter einen Hut zu bringen, sitzt er seit gut zehn Jahren täglich eine Stunde am Morgen an eigenen Romanen: „Ich habe irgendwann gemerkt, dass es morgens viel besser geht: Wenn du den ganzen Tag Literatur in Zweifel gezogen hast, kannst du abends nur schwer selbst welche schreiben.“ Im Herbst erscheint sein inzwischen vierter Roman bei der Deutschen Verlagsanstalt (DVA), „Was wir Liebe nennen“. Dieser sei sein erster „positiver Roman“. Die vorhergegangenen, darunter mit „Alles Land“ ein historischer Roman über den Polarforscher Alfred Wegner, enden immer mit dem Tod der Protagonisten und handeln von Menschen mit einer „Einsamkeitsmacke“.

Fragt man Lendle, was ihn beim Schreiben treibe, warum ihm das Verlegen allein nicht reiche, ob es da nicht zu professionellen Kollisionen komme, zögert er: „Ich schreibe, um mir Geschichten zu erzählen, ohne abzusehen, wie die dann bei einem Publikum ankommen. Natürlich bin ich kein naiver Autor, aber wer ist das heute schon noch?“

Beim Gespräch fällt auf, wie zugewandt Jo Lendle einerseits ist, wie offen und sympathisch er wirkt mit seinem legeren Outfit: weinroter Pullover, darunter helles Hemd, dunkle Cordhose. Wie er aber auch vorsichtig bleibt, Grenzen setzt, sich eine irgendwie unergründliche Verschlossenheit bewahrt. Letzteres ermöglicht ihm wohl, unpopuläre Entscheidungen zu treffen und etwa, wie er es bei DuMont getan hat, die Kunstbuchsparte der ungünstigen Marktentwicklung anzupassen, inklusive Entlassung von Mitarbeitern. Und er sagt auch, vorsichtig natürlich, dass er bei Hanser zwar in eine Tradition eintrete: „Ich behalte mir aber vor, diese auf meine Art fortzuschreiben. Traditionen sollen ja Bewegung zulassen – und Michael Krüger ist auch deshalb ein Großer, weil er über einen so langen Zeitraum wichtige Bücher gefunden hat. Daran anzuknüpfen heißt, neue Entdeckungen zu machen.“

Bei DuMont hat Lendle junge Autoren wie Jan Brandt, Andreas Schäfer, Dorothee Elmiger, Tilman Rammstedt oder Susanne Heinrich entdeckt, verlegt und mitunter durchgesetzt. Im Vergleich zu einem Traditionshaus wie Hanser sei man in dieser Hinsicht vielleicht „quirliger“ gewesen, so Lendle: „Das war unsere Identität, das werde ich bei Hanser fortführen.“ Zudem ist DuMont in Deutschland unter anderem zuständig für Michel Houellebecq, Haruki Murakami oder die Booker-Preisträgerin Hilary Mantel, die hier alle gut verkauft werden.

Als „moderner Verleger“ wurde Jo Lendle in einer Hanser-Mitteilung beschrieben, einer, der selbstverständlich auch „auf Fragen der Digitalisierung und des Urheberrechts“ Antworten wisse. Lendle mutete das etwas „komisch“ an, wie er sagt. Nicht zuletzt, weil es tatsächlich selbstverständlich ist für jemanden seiner Generation, für jemanden, der etwa die Nachricht über seinen neuen Job noch vor der Bekanntgabe an die traditionellen Medien augenzwinkenernd bei Facebook andeutete. Trotzdem sagt er auch: „Ein Prophet des E-Books bin ich nun auch nicht. Im Vergleich zu Krüger, der dem Ganzen distanziert gegenübersteht, mag das vielleicht sein. Aber auch der Hanser Verlag ist in Wahrheit natürlich schon lange elektrifiziert.“

Am Ende, Lendle ist nun doch in typischer Verlegereile, er muss das Buch eines Hanser-Autoren fertiglesen, da sagt er noch, dass er „Respekt“ vor der neuen Aufgabe habe, aber nicht aufgeregt sei: „Es hieß immer, der Hanser-Job sei ein unmöglicher, den kann keiner machen. Einer muss es tun, ich mache es sehr gern.“ Bei so einer Einstellung muss einem weder um den Hanser-Verlag noch um Jo Lendle bange sein. Gerrit Bartels

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