Morrissey gibt Konzert in Berlin : Nicht an Morgen denken

Gut in Form, Freund der Tiere und des Sonntags: Morrissey absolvierte einen aufregenden, bombastischen und seltsamen Auftritt in Berlin.

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Morrissey auf der Bühne in der Berliner Columbiahalle.
Morrissey auf der Bühne in der Berliner Columbiahalle.Foto: dpa

Als Morrissey vergangene Woche in Warschau einen Auftritt schon nach knapp einer halben Stunde abbrach, erklärte der Veranstalter gleich darauf dem empörten Publikum, dass Morrissey sich auf der Bühne nicht mehr sicher gefühlt habe. Der britische Musiker war während einer kurzen Ansprache beleidigt worden, für seine sexuelle Orientierung, vielleicht auch weil er an Krebs erkrankt ist, das lässt sich auch bei der Ansicht eines Mitschnitts des Kurzkonzerts nicht genau eruieren.

An diesem Sonntag in der Berliner Columbiahalle jedoch scheint sich Morrissey überaus gut und sicher zu fühlen, „aufregend und schockierend“ sei das hier alles, sagt er gleich zu Beginn, nachdem er das Publikum mit einem solide dahingesprochenen „Guten Abend“ begrüßt hat. Er sieht akzeptabel aus, wie er da in einem weißen Hemd und einer weißen Hose auf die Bühne kommt, hinter ihm das riesige Gesicht einer zwei Stinkefinger zeigenden Fake-Queen auf einer Leinwand; so akzeptabel, wie ein Mittfünfziger halt auszusehen vermag, aber keineswegs über die Maßen von seiner Krankheit gezeichnet (was für ein Krebs es ist, das verriet er Anfang Oktober bei der öffentlichen Bekanntgabe übrigens nicht). Und er hat zwischen den Songs so einiges zu sagen. Zum Beispiel, dass Berlin so schön sei und er jedem hier lebenden Briten dringend abrate, in die Heimat zurückzukehren. Oder dass bei aller Schönheit Fleischessen Mord sei und man „Meat is Murder“ an jede Ecke von Berlin pinseln solle.

Morrissey ist gut in Form

Ja, Morrissey zeigt sich in guter Form, gerade auch stimmlich. Der Gesang ist weit nach vorn gemischt und gut zu verstehen. Zum Glück, denn seine fünfköpfige Begleitband bedarf doch der Gewöhnung. Sie spielt eine Art jaulenden, etwas muckerhaften Rock, der selbst den eigentlich unkaputtbaren, wunderschönen Morrissey-Großhit „Suedehead“ durchdringt. Immerhin beschert dieser erste Smiths-und-Morrissey-in-seiner-frühen Solophase-Gefühle.

Spätestens mit dem besten Stück von Morriseys jüngstem Album „World Peace is None Of Your Business“, mit „Kiss Me A Lot“ ist man aber mitten im Geschehen und verschwendet keinen Gedanken mehr an den alten Mitstreiter Johnny Marr, der diese so herrlich zackig-kratzig-wehmütige Smiths-Gitarre gespielt hat (ja, klar, ist ewig her, aber je nu!).

Morrissey wirkt wie ein Conferencier, der zwar immer wieder beim Abschreiten der Bühne mit seinem Publikum Kontakt aufnimmt, einmal klatscht er selbst gar mit. Der jedoch zudem mit einem imaginären Gegenüber kommuniziert, das er inständig davon zu überzeugen sucht, eben kein typischer Mann zu sein, den Tod des Toreros lieber in Kauf zu nehmen als den des Stiers oder nie und nimmer an Morgen denken zu können, „no use for tomorrow“, wie es in „One of Your Own“ heißt, einem der besten Stücke des neuen Albums.

Bei "Meat is Murder" schmerzt es, hinzuschauen

Es ist ein abwechslungsreiches und zugleich ein seltsames Konzert, das Morrissey und seine Band spielen. Manches Stück erscheint viel zu lang, außer das Smiths-Stück "How Soon Is Now", versteht sich, das ist dann kein jaulender Rock mehr, sondern auf Effekte setzender Bombast, mit Riesentrommelverstärkung genauso wie mit Bläser- oder Flamenco-Gitarren-Tupfern. Dazu begleiten immer wieder Filme die Musik.

Der schockierendste, schrecklichste Film läuft natürlich zu „Meat is murder“, wegen der vielen Gruselszenen aus der Massentierhaltung. Wer danach nicht zum Vegetarier wird, hat kein Herz – oder ist ein großer Verdrängungskünstler. (Was das Leben ja durchaus erleichtert!). Die Musik dazu ist bohrend, nervig, letztendlich kongenial, aber "Meat is Murder" zählt auch zu den miesesten Smiths-Songs ever. Die Botschaft heiligt hier alle Mittel. Danach fällt es schwer, sich wieder auf die vielen Songs des neuen Albums zu konzentrieren, vom Titelstück über „Istanbul“ bis zu „Neil Cassidy Drops Dead“.

„Fuck Harvest Records“

Bei einigen fehlt die Melodie genauso wie ein filigraner Move, und doch freut man sich, Morrissey live auf der Bühne zu erleben: als Musiker, als Crooner, ganz bei sich ist und nicht mit der gesamten Welt im Clinch. Schlagzeilen produziert er ja inzwischen meist nicht mehr auf dem Platz, um es in Fußballersprache zu sagen, sondern daneben. Hier die Krebserkrankung, die natürlich schlimmste Befürchtungen weckt: Ist das jetzt seine letzte Tour?; dort die Weigerung, seine 2013 in England erschienene Autobiografie auch im Rest der Welt zu veröffentlichen (trotz fast fertiger Übersetzungen).

Zu allem Überfluss ist er von seiner Plattenfirma wenige Wochen nach Erscheinen von „World Peace is None Of Your Business“ gefeuert worden, weil er sich darüber beklagt hatte, kein Video finanziert zu bekommen. „Fuck Harvest Records“, so Morrisseys Reaktion, die an diesem Abend in der Columbiahalle auch die Band durchweg auf ihren schwarzen T-Shirts stehen hat. Ob der Mann damit etwas erreicht? Die Solidarität seines Publikums gewinnt?

Dieses liebt ihn letztendlich doch mehr für das wirklich herzzereißende, schönste The-Smiths-Erinnerungen heraufbeschwörende, nur von Keyboard- und zarten Schlagzeug-Tönen instrumentierte Stück „Asleep“, das er als erste Zugabe spielt - und natürlich für den Evergreen „Everyday is like Sunday“ als zweite, letzte, gar nicht mal so logische Zugabe: Dieser Sonntagabend mit Morrissey war kein alltäglicher.

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