Kultur : Mozart am Krankenbett

CORDULA DÄUPER

Der Saal ist frisch gestrichen, aber die meisten, die hier sitzen, sehen es nicht.Sie sind blind, führen ihre Kaffeetassen wackelig zum Mund, der Kuchen fällt ihnen von der Gabel.Schauplatz dieser beklemmenden Szenerie ist die Blindenwohnstätte Weissensee, zugleich auch ein Altenheim.Doch an diesem Nachmittag wird die Monotonie des Alltags durchbrochen: Der vibrierende Klang einer Harfe füllt den Raum mit Melodien und polyphoner Vielstimmigkeit.Die gezupften Saiten senden perlende Töne in den Raum.Für die Blinden eine Berührung zur Außenwelt.Ein sinnlicher Kontakt, ein kleiner Ausbruch aus der gewohnten Isolation.Eva Röthke, eine junge Musikstudentin der Hanns Eisler Hochschule, bestreitet dieses Konzert allein mit ihrer Harfe.Das schöne Bild, das sie an ihrem großen Instrument abgibt, kann die Pflegeschwester dem Publikum nur mit Worten vermitteln.Aber Evas Spiel erreicht sogar die bettlägrigen Bewohner des Heims, durch Übertragung in deren Zimmer.

Yehudi Menuhin ist tot, aber sein verbindender Geist lebt weiter.Denn die Harfenistin Eva Röthke spielt im Auftrag von "Live music now", einer Initiative, die der große Violinist 1977 in London ins Leben gerufen hat."Musik zu denen bringen, die selber nicht kommen können" ist das Motto dieser gemeinnützigen Organisation.Live Music Now (LMN) gibt es mittlerweile in 14 europäischen Ländern, in Berlin seit Ende 1996.Die Idee ist so simpel wie überzeugend: es soll sowohl ein Publikum von Kranken, Häftlingen oder Alten mit Live-Konzerten beschenkt werden als auch sollen begabte, angehende Berufsmusiker die Möglichkeit bekommen, vor Publikum aufzutreten.

Die soziale Initiative bedarf allerdings einer professionellen Organisation und gesicherten Finanzierung.Um ersteres kümmert sich ein dreiköpfiger Vorstand, der ehrenamtlich arbeitet und damit die Kosten des Vereins auf die Gagen der Künstler reduziert.Das Auswahlverfahren der jungen Musiker findet ebenfalls durch unentgeldliche Mithilfe von Berliner Hochschulprofessoren statt.Um gefördert zu werden, müssen die Bewerber höchsten künstlerischen Ansprüchen genügen.Die Finanzierung wird duch Benefizkonzerte, Sponsoren- und Spendengelder gedeckt.

Vollzeitjobs "für ohne Geld" und Finanzierung auf ungesicherter Spendenbasis - allein, um sozial Benachteiligten ein wenig Freude zu bringen? Ist so etwas in unserer Gesellschaft überhaupt noch möglich? Bei den meisten Geldgebern und Mitverantwortlichen ist es die Freude am sozialen Engagement, die sie zum Mittun anregt."Außerdem ist der Umgang mit den jungen Künstlern so nett", meint Kirsten Baumann, Verantwortliche für das Management der Konzerte.

In den erlauchten Kreisen, denen die Vorstandsdamen entstammen, spielt Geld ohnehin keine Rolle.Wie selbstverständlich wirkt es im Hintergrund, gewährt ihnen den Freiraum, sich wirkungsvoll zu engagieren.

Kontaktadresse: Ingrid von der Heyde.

Telefon: 80 90 41110

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