Kultur : Müll bergen

Eine New Yorker Ausstellung zeigt Fundstücke aus dem Schutt von Ground Zero

Malte Lehming

Am Eingang, neben dem Gästebuch, liegen Broschüren. Sind Sie ängstlich oder depressiv, haben Sie Albträume oder andere Schlafprobleme, trinken oder rauchen Sie mehr als früher? Das alles, heißt es, könnten normale Reaktionen auf ein traumatisches Erlebnis seien. Die „World Trade Center Healing Services“, die zu einer katholischen Hilfsorganisation gehören, bieten Hilfe. Wer unmittelbar von den Terroranschlägen betroffen ist, wird kostenlos betreut. Selbst auf Spanisch und Chinesisch können die Beratungsgespräche geführt werden. So ist das in New York.

Ein Kellerraum, nicht sehr groß, Tageslicht dringt keines herein. Hier, in der „New York Historical Society“, an der Westseite des Central Parks, gastiert die „Recovery“-Ausstellung. Das Wort lässt sich in diesem Zusammenhang am besten mit „Bergung“ übersetzen. Es ist keine Ausstellung über Nine-Eleven selbst, die Anschläge, die Opfer, die Bedeutung. Es geht weder um Tragik noch um Helden. Im Gästebuch wird öfter beklagt, wie unpersönlich die Darstellung ist. Das ist allerdings auch ihre Stärke. Dieses Ereignis braucht keine Personalisierung oder dramaturgische Überhöhung. Pathos verträgt es nicht.

Dokumentiert wird die Arbeit der Räumkommandos. 1,8 Millionen Tonnen Schutt – eine unvorstellbar große Zahl – mussten nach menschlichen Überresten und persönlichen Gegenständen durchsucht werden. Die Rekonstruktion fand auf der ehemaligen Mülldeponie „Fresh Kills“ auf Staten Island statt, 40 Kilometer vom Unglücksort entfernt. Der Name stammt aus dem Holländischen und bedeutet in etwa „frischer Fluss“. Eigentlich sollte hier ein großer Park entstehen. Doch am Morgen des 12. Septembers 2001 beschlagnahmt New Yorks damaliger Bürgermeister Rudolph Giuliani das Gelände, fortan rollen die Laster. Die Bundespolizei FBI erklärt „Fresh Kills“ zum Sperrgebiet. Eine forensische Großaktion beginnt.

Alles, was von Ground Zero eintrifft, wird überprüft. Die Arbeiter tragen Handschuhe, weiße Schutzkleidung, Sauerstoffmasken. Sie sehen wie Astronauten aus. Gearbeitet wird in vielen kurzen Schichten. Länger als eine Dreiviertelstunde am Stück soll niemand vor dem Fließband sitzen, auf dem der Schutt langsam zur Sichtung an den Arbeitern vorbeiläuft. „Uns wurde leicht schwindelig“, sagt ein FBI-Agent. Das FBI, 25 Bundes- und Lokalbehörden sowie 14 Privatunternehmen sind an der Aktion beteiligt.

In fast zwei Millionen Arbeitsstunden werden bis zum 2. Juli 2002 genau 4257 menschliche Überreste gefunden. So können 167 Opfer identifiziert werden. Reste von rund 54000 persönlichen Gegenständen werden geborgen, darunter 4000 Fotos und 610 Schmuckstücke. Einen Eindruck von dieser kriminalistischen Suchaktion vermitteln in der „Recovery“-Ausstellung zehn Panoramaaufnahmen von „Fresh Kills“ sowie 60 weitere Dokumentarfotografien und mehr als 50 der geborgenen Gegenstände.

Von den einstürzenden Türmen des World Trade Centers wurden auch Sicherheitsbeamte getötet, die das Gebäude bewachten. Sie trugen Waffen. Zwei ineinander verschmolzene Pistolen werden gezeigt. In derselben Ecke steht eine durch die Gluthitze vollkommen deformierte bronzene Rodin-Statue aus der Sammlung „Cantor Fitzgerald“, die sich im 101. Stockwerk des Nordturmes befunden hatte. Die extreme Hitze war durch das brennende Kerosin verursacht und durch die Stahlträger verstärkt und weitergeleitet worden. Die ineinander verschlungenen Pistolen etwa sind nun nicht allein nur Überreste des Terrors, sondern auch ein unfreiwillig neu entstandenes Artefakt. Ebenso der Rodin und ein durch Hitze und Druck komplett verbogenes Steuerrad eines BMWs. Wer eine Zeit lang die Umstände verdrängt, die solches geschaffen haben, gerät ins Staunen.

Was ist noch zu sehen? Diverse Schlüssel, eine Sammlung von Betriebsausweisen, ein zerfetztes Sternenbanner, ein Blechschild mit den Initialen von New York, verkohlte Puppen aus einem Souvernirladen – eine davon heißt „Fred“, auf dem Schild steht „Made in China“. Große Stahlstücke, Flugzeugreste, eine zusammengequetschte Aufzugtür. An einem Computer wiederum kann sich der Besucher mit dem „Sonic Memorial Project“ vertraut machen (www.SonicMemorial.org). Hier wird die Geschichte des World Trade Centers erzählt und eine große digitale Sammlung von Fotos und Zeugenaussagen über den 11. September 2001 ausgebreitet. Im 107. Stockwerk des Nordturms zum Beispiel eröffnete 1976 das elegante Restaurant „Windows on the World2. Wegen seines atemberaubenden Panoramas wurden darin besonders gerne Hochzeiten gefeiert. Vermählte erinnern sich an ihre „schönsten Stunden“.

Die Idee zu „Recovery“ hatte Mark Schaming, der Ausstellungsdirektor des New York State Museums in Albany. Dort ist seit September 2002 die größte ständige Ausstellung zum World Trade Center und den Terroranschlägen zu sehen. Seiner Hartnäckigkeit und Überredungskunst ist es zu verdanken, dass die ermittelnden Behörden frühzeitig mit den Museumsmachern kooperierten.

Zunächst freilich zögerte das FBI, als es wenige Wochen nach dem 11. September von Schaming um Erlaubnis gebeten wurde, „Fresh Kills“ zu besichtigen. „Für uns war es ein Tatort, wir suchten nach menschlichen Überresten, mussten Beweise sichern“, sagt FBI-Agent Richard Marx. „Zivilisten hatten da nichts zu suchen.“ Doch nach und nach schenkte man Schaming Vertrauen. Als er zum ersten Mal auf „Fresh Kills“ war, durfte er noch keine Fotos machen. „Ich lief den ganzen Tag herum und sah nur Schutt“, sagt er. „Der einzige Gegenstand, den ich identifizieren konnte, war ein Briefumschlag von FedEx.“ Später schärfte sich sein Blick.

„Recovery“ ist eine leise, unaufdringliche Ausstellung. In zwei Stunden hat man alles gesehen. Dem Mega-Ereignis des 11. September wird sich gewissermaßen über einen Nebenstrang angenähert – der physisch und psychisch anstrengenden Arbeit der Räumkommandos. An den Toren zu „Fresh Kills“ stand oft eine ältere Frau mit einem Schild. Darauf bekundete sie ihre Sympathie für die Wühlarbeiter. Auch diese Frau hat Schaming für die Ausstellung fotografieren lassen.

New York Historical Society, 2 West 77th Street at Central Park West, bis 21. März

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