Kultur : München kämpft: Was wird aus dem Olympiastadion?

Mirco Weber

Im Münchner Olympiastadion hat die Zeit der Wolldecken begonnen. Sie werden nur im unteren Drittel der Haupttribüne, Mitte, ausgegeben, damit die Beckers und Westernhagens keine kalten Füße bekommen. Der Präsident des FC Bayern hingegen wärmt sich an solchen Abenden lieber an den eigenen Gedanken. Vor seinem geistigen Auge jedenfalls lag das Münchner Olympiastadion schon geraume Zeit in Schutt und Asche: Es werde sich doch wohl ein Terrorist finden lassen, der das "ganze Graffel" in die Luft sprenge, hatte er vor Monaten gemeint. Mittlerweile geht es in München wieder friedlicher zu - was mögliche Anschläge auch in Zukunft nicht ausschließt.

Heute tagt in der Stadt zum dritten Mal der Stadion-Gipfel, auf dem sich Stadt und Land mit den Vereinen FC Bayern und 1860 München einigen wollen, wie Günther Behnischs architektonische Wunderwerk in eine angeblich verbrauchergerechtere Fußballschüssel umgebaut werden könnte, in der keiner mehr nass wird, friert, sondern auf Knopfdruck ein Helles bekommt. Auch der Architekt hat sich Gedanken gemacht, die ihm nun nicht mehr geheuer sind. Prinzipiell nibelungentreu zum weltweit bekannten Kulturdenkmal von 1972, will er einen "Ring" verlegen, der aus dem Kunstwerk einen Kessel macht. Mittlerweile unterstützen fast alle Beteiligten das Vorhaben, obwohl klar ist, dass die Konstruktion scheußlich aussehen wird und jede Menge Leute zwar ins Trockene bringt - aber auf Plätzen, von denen aus man nichts mehr sieht. Von der Idee, hinter dem Olympiastadion einen neuen Tempel hochzuziehen haben CSU wie SPD wohl Abstand genommen. Der eigentliche Skandal ist die wurschtige Art, mit der verfahren wird. Das Münchner Olympiastadion steht nun einmal für mehr. Es sollte offen sein, elegant und beweisen, dass Deutschland Größe auch ohne Monumentalität zeigen kann. Die Aufschreie gegen den Stadionumbau haben deutlich gemacht, in welch seliger Tradition Behnischs Bau steht: Wer würde Scharouns Berliner Philharmonie verunstalten oder die Stuttgarter Staatsgalerie entbeinen? Selbst der Umbau des Berliner Olympiastadions geht vorsichtiger vonstatten. Kann also sein, dass München heute den Kopf verliert und später einen Teil seines weltberühmten Herzens hingibt. Die letzte Chance zum Widerstand hat das Volk. Ex-Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel organisiert ein Bürgerbegehren gegen den Umbau.

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