Kultur : Münchens Kulturreferent zum Rücktritt Radunskis

Kai Müller

Herr Nida-Rümelin, verstehen Sie die Entscheidung Ihres Berliner Kollegen Radunski, das Amt des Kultursenators abzugeben?

Ja. Die letzte Zeit war nicht sehr einfach in der Berliner Kulturpolitik. Es hat sich die Frage gestellt, ob die Form, in der Radunski Kulturpolitik bislang betrieb, für die Stadt von Vorteil sein würde. Ich weiss nicht, ob das der Hauptgrund für seine Entscheidung gewesen ist. Aber er wird sich gesagt haben, dass jetzt mal ein anderer es mit einem anderen Stil versuchen sollte.

Der Rücktritt als Konsequenz einer fehlgeschlagenen Politik?

Radunskis Amtsperiode war ja nicht in jeder Hinsicht erfolglos. Aber ich glaube, dass Radunski als führender Wahlkampf-Stratege seiner Partei seine Erfolgschancen nüchtern abgewogen hat.

Woran wird der Erfolg eines Kulturpolitikers gemessen?

Auf keinen Fall an bloßen Haushaltsdaten, auch wenn es sich eingebürgert hat. Ich glaube, dass eine Gesellschaft, die ihre Kultur überwiegend mit Steuermitteln finanziert, andere Kriterien anlegen muss, als beispielsweise in den Vereinigten Staaten, wo kulturelle Aktivitäten weitgehend privat finanziert werden. Wir müssen die Verantwortung für die Verwendung von Steuergeldern als Gestaltungsauftrag der Kulturpolitik wahrnehmen. Das heisst, dass wir nicht nur "kundenorientiert" den jeweiligen Wünschen der Bürgerschaft entsprechen sollten, sondern dass wir Wertentscheidungen treffen und uns für diese stark machen. In München ist das beispielsweise die Biennale für zeitgenössisches Musiktheater.

Auf welche Weise gehen inhaltliche Schwerpunktsetzungen mit Sparzwängen einher?

Eine Kulturpolitik, die ihre Mittel in erster Linie darauf verwendet, etablierte Einrichtungen zu finanzieren, hat keinen Gestaltungsspielraum mehr. Sie reizt ihre Grenzen aus, ohne auf aktuelle, neue Entwicklungen eingehen zu können.

Leben Sie in München wie die Made im Speck?

Es stimmt leider nicht, dass München, als die reiche Stadt im Süden Deutschlands, für Kultur mehr ausgeben würde. Der Kulturetat beläuft sich auf 280 Millionen Mark, was 4,5 Prozent des Gesamthaushalts entspricht oder 215 Mark pro Kopf. Unser Vorteil ist allerdings, dass der Freistaat Bayern in der Landeshauptstadt eigene Kultureinrichtungen unterhält, wie die Staatsoper, das Residenztheater oder die Pinakotheken. Das erleichtert unsere Arbeit erheblich. In Berlin liegen die Dinge anders: Dort werden zwar etwa 790 Millionen Mark für kulturelle Zwecke eingesetzt, was einem Prokopf-Aufwand von 232 Mark gleichkommt, doch Berlin ist nicht nur Bundeshauptstadt, sondern zudem ein eigenständiger Stadtstaat sowie eine Kommune. Diese Ebenen sind nicht ordentlich ausbalanciert, die Kompetenzen verwischen.

Wäre der Posten des Berliner Kultursenators für Sie reizvoll?

Grundsätzlich - das will ich nicht leugnen - ist die Kombination von Wissenschaft und Kultur sehr reizvoll. Ich komme ja aus der Wissenschaft, habe einen Lehrstuhl für Philosophie in Göttingen. Auf der anderen Seite ist mir die Kunst sehr nahe, nicht nur weil ich einer Künstlerfamilie entstamme, sondern auch aus Interesse sehr nahe. Aber Berlin kommt überhaupt nicht in Frage.

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