Münchner Filmfest : Deutsche Filme gehen auf Landpartie

Wenn der Vater mit dem Sohn: Beim Filmfest München bietet die Reihe "Deutsches Kino" wieder viele Familienstories. Die meisten spielen unterwegs, auf dem Land. Die Großstadt ist out.

Karl Hafner
Ulrich Tukur und Samuel Schneider als Vater und Sohn in "Exit Marrakech". Foto: Filmfest München
Versuchte Nähe. Ulrich Tukur und Samuel Schneider in Caroline Links Marroko-Film „Exit Marrakech“.Foto: Filmfest München

Hollywood ist weit weg von der Isar. Also wird auf dem Münchner Filmfest gern mal auf den Mainstream geschimpft. Dieses Jahr übernahm das Alejandro Jodorowsky, Regisseur von Klassikern des Mitternachtskinos wie „El Topo“, dem eine Retrospektive gewidmet war. Vergnügt sitzt er beim Publikumsgespräch in der rappelvollen Blackbox des Festivalzentrums neben Nicolas Winding Refn („Drive“) und wettert über Stumpfsinn und Traumfabrik-Schmarrn. Sie beide seien angetreten, gescheites Kino für ein vernünftiges Publikum zu machen – Jodorowsky zwinkert. Stimmt schon, es müssen nicht immer Blockbuster sein, aber Star des Filmfests, das am heutigen Sonnabend zu Ende geht, war Sir Michael Caine. Der Brite, der in US-Produktionen wie „Inception“ oder den „Batman“-Filmen mitgespielt hat, bekam einen Preis für sein Lebenswerk.

Das deutsche Kino, traditioneller Schwerpunkt in München, war dieses Jahr mit 14 Premieren vertreten – das Spektrum reicht vom etwas anderen Genrefilm bis zum notorischen Lieblingsthema der hiesigen Filmkunst, der dysfunktionalen Familie. Daniel Harrich nimmt sich in „Der blinde Fleck“ das Oktoberfest-Attentat von 1980 vor, basierend auf den Recherchen des Journalisten Ulrich Chaussy. Er erzählt angenehm nüchtern, ohne verschwörerisches Raunen, ohne Genretricks oder unglaubwürdige Action. Chaussy, der am Drehbuch mitgearbeitet hat, zweifelte damals an der offiziellen Version, ein Einzeltäter habe den Anschlag begangen. Zu deutlich wiesen Spuren in ein gut vernetztes, rechtsextremes Milieu. Seine Brisanz gewinnt der Film auch angesichts der NSU-Morde und der jahrelangen Ignoranz der Behörden.

Zur Eröffnung des Filmfests wurde Caroline Links "Exit Marrakech" uraufgeführt

Um eine zerrüttete Vater-Sohn-Beziehung geht es in Caroline Links „Exit Marrakech“, der das Festival eröffnete. Der 17-jährige Ben verbringt die Ferien in Marrakesch bei seinem Vater, der dort auf einem Theaterfestival inszeniert. Ben hat keinen Bezug zum Vater und ist bald allein in der Stadt und in Marokko unterwegs, auf der Suche nach Freiheit, Abenteuer und Liebe. Der Vater sucht ihn, ein gemeinsamer Trip durch die Wüste bringt die beiden näher. Großartige Landschaften, großartige Schauspieler, vor allem Samuel Schneider als Ben. Man spürt die Hitze, die flirrende Luft, das Rauschhafte, das Glück, im Süden zu sein, und dennoch weiß man von Anfang an, wohin die etwas sentimentale Reise geht.

Näher kommen sich Vater und Sohn auch in Axel Ranischs „Ich fühl mich disco!“ – ein charmanter, auch anarchisch schriller Film. Als die Mutter ins Koma fällt, müssen Vater (Heiko Pinkowski) und Sohn (Frithjof Gawenda) sich zusammenraufen. Zu Beginn tanzt die Mutter mit dem Sohn im Disco-Outfit durch die Wohnung, singt Schlager über Sexualverkehr – schon diese Szene hat es in sich. Später wird Neo-Schlagersänger Christian Steiffen persönlich auftreten, den betrunkenen Vater über die sexuellen Vorlieben des Sohns aufklären – und wieder Disco.

"Finsterworld" beim Filmfest München: ein Heimatfilm der etwas anderen Art

Jungenhafter als die meisten Kerle benimmt sich Lara in „Love Steaks“, der Abschlussarbeit von Jakob Lass – eine der Entdeckungen des Filmfests. Lara arbeitet in der Küche eines Wellnesshotels und lässt auch im Leben nichts anbrennen. Mit jedem ihrer Kollegen war sie im Bett, kann trinken und ruppige Sprüche klopfen. Clemens, der als Masseur anheuert, verkörpert das genaue Gegenteil: Er ist Vegetarier, schüchtern, nüchtern. Lana Cooper und Franz Rogowski spielen das Paar mit hinreißender Körperlichkeit, und auch „Love Steaks“ changiert zwischen Tragik und Komik, jedoch ohne Discogeglitzer. Die Dialoge sind improvisiert, die Kamera scheint beiläufig mitzulaufen.

„Finsterworld“, das Spielfilmdebüt von Frauke Finsterwalder, gibt sich wesentlich artifizieller, als garstig-satirischer Heimatfilm hauchnah neben der Realität. Himmel, Land und Menschen sehen einfach zu gut aus – eine Märchenwelt in Episoden. Dahinter tut sich bald eine durch und durch deutsche Familienkonstellation auf: Ein reiches Ehepaar findet das Land abstoßend, der Sohn blamiert sich beim KZ-Besuch mit der Schulklasse, die Oma sitzt im Altenheim und wartet auf ihren Fußpfleger. Auf den Punkt geschriebene Miniaturen – Christian Kracht fungiert als Ko-Autor –, treffend beobachtet, komisch. Alle haben ein Problem mit Nähe, entwickeln Spleens und Fetische. Was ist ernst gemeint, was Spielerei, was einfach nur böse? Eine Versöhnung ist nicht in Sicht.

Eines haben viele deutsche Filme gemeinsam. Die erste Einstellung zeigt oft ein Landschaftsidyll: die Berge, das Meer bei Sonnenaufgang, Baumlandschaft im Nebel, grüne Wälder, Seen. Schön ist das und geheimnisvoll. Die Großstadt ist out im deutschen Film, sogar Berlin.

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