Museum Europäischer Kulturen präsentiert Wandteppich : Jesus und das Nashorn

Zum Luther-Jubiläum: Das Museum Europäischer Kulturen präsentiert einen ungewöhnlichen Teppich aus dem 17. Jahrhundert.

Ken Münster
Exot im Norden. Anna Bump verwebte 1667 in ihren Reformationsteppich auch überraschende Motive wie Nashörner und Elefanten.
Exot im Norden. Anna Bump verwebte 1667 in ihren Reformationsteppich auch überraschende Motive wie Nashörner und Elefanten.Foto: MEK, Ute Franz-Scarciglia

Im Museum Europäischer Kulturen ist ein eigentümlicher Wandteppich zu bestaunen: Dreieinhalb Mal einen halben Meter groß, gewirkt im 17. Jahrhundert in Dithmarschen, im heutigen Schleswig- Holstein. Von der Urheberin Anna Bump gibt es nur einen knappen Eintrag im Hennstedter Taufregister. Sie entstammte einer freien Bauernfamilie, führte ein wohlhabendes, aber unaufgeregtes Leben. Mehr ist nicht überliefert. Ihr Werk aber offenbart Einzigartiges: Szenen aus dem Leben Jesu, in mühsamer Kleinstarbeit illustriert. Zu den biblischen Inhalten gesellen sich exotische Motive wie Nashörner und Elefanten. Dazu Verweise auf Hochdeutsch. Wie ist dieses kuriose Kunstwerk entstanden?

Dieser Spurensuche widmet sich die Ausstellung „Anna webt Reformation. Ein Bildteppich und seine Geschichten“ aus Anlass des Lutherjahres. Das textile Artefakt ist quasi ein Vorreiter des Jubiläums. Signiert wurde er von Anna Bump samt Familienwappen am 31. Oktober 1667: eine Widmung zum 150. Jahrestag der Reformation. Zum Wandteppich gesellen sich weitere 30 Ausstellungsstücke: eine Oblatendose und ein Kelch aus der Hennstedter Kirche, ihrer Gemeinde, Alltagsgegenstände wie Holzmöbel, Münzen und Küchengeräte aus Zinn.

Exotische Motive treffen auf theologische Inhalte

Seit 1971 befindet sich der Teppich in der Sammlung des Hauses, die Ausstellung bot Gelegenheit, Bumps Lebenswelt nachzuzeichnen. Bei der Herstellung ihres Werks, das wohl die Wände der Hennstedter Kirche zierte, hatte die damals 23-Jährige wahrscheinlich Hilfe. Doch war sie federführend. „Dass eine Frau im 17. Jahrhundert ein Kunstwerk signieren konnte, ist etwas sehr Reformatorisches“, berichtet Kuratorin Dagmar Neuland-Kitzerow.

Woher kamen die exotischen Motive, die sie neben den landestypischen Möbelstücken und einer Mühle im Repertoire hatte? Im 16. / 17. Jahrhundert verbreiteten sich die neuartigen Motive im europäischen Raum durch den Buchdruck. Papageien, Pfauen, aber auch Zierpflanzen wie die Tulpe, weckten das Interesse der Künstler. In der Folge vermischten sie sich auf Gemälden und Textilien mit theologischen Inhalten.

Auch zur interkontinentalen Reise des Teppichs kam im Laufe der aktuellen Recherchen Neues heraus. 13 Prozent der Dithmarschener Bevölkerung wanderte im 18. Jahrhundert nach Amerika aus. Auf diesem Wege oder über fahrende Händler, die auf den Dörfern Kunsthandwerk aufkauften, landete der Teppich in den USA. Von dort stiftete ihn eine unbekannte Person 1955 dem Israel-Museum in Jerusalem. Ins Museum Europäischer Kulturen gelangte er schließlich 1971 – im Tausch gegen jüdische Schmuckgegenstände.

MEK Dahlem, Arnimallee 25, bis 28. Januar, Di – Fr 10 – 17 Uhr, Sa/So 11 – 18 Uhr.

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