Museumsinsel : Wie Perlen an der Schnur

Mit der Eröffnung des Neuen Museums rundet sich der Masterplan Museumsinsel. Doch erst das Eingangsgebäude, die James-Simon-Galerie, wird die Insel voll erschließen

Bernhard Schulz

Mit der Wiedereröffnung des Neuen Museums erlebt die Museumsinsel das spektakulärste Ereignis im Laufe ihrer insgesamt wohl auf zwanzig Jahre zu veranschlagenden Restaurierung. Denn das Neue Museum war sechzig Jahre lang Kriegsruine und längst verblasste Erinnerung. Nun aber kehrt es als ebenso glanzvoller wie umstrittener Bau in das Ensemble zurück. Denn um ein Ensemble handelt es sich bei der Museumsinsel, und Ausdruck der alle Bauten umgreifenden Planung ist der Masterplan.

Es hat aus der Feder des im Herbst 2008 in den Ruhestand verabschiedeten Museums-Generaldirektors Peter-Klaus Schuster gleich mehrere Masterpläne gegeben, und der Öffentlichkeit ist dabei ein wenig die Übersicht verloren gegangen. Die vor einigen Wochen eher beiläufig annoncierte Entscheidung von Schusters Nachfolger Michael Eissenhauer, zumindest den „Masterplan 3“ und die Verlagerung der erst 1996 am Kulturforum eingeweihten Gemäldegalerie in die Nachbarschaft der Museumsinsel vorerst nicht weiterzuverfolgen, bringt Ruhe in die zwischenzeitlich in alle Richtungen ausufernden Debatten. Die Wiederherstellung des Neuen Museums ist ein integraler Bestandteil „des“ Masterplans, wie er zunächst hieß, als es noch nicht dessen Nachfolger Nr. 2 und 3 gab.

Am 4. Juni 1999 wurde der Masterplan Museumsinsel verabschiedet. Zehn Jahre alt also ist die Planung, die sich nun Stück für Stück als gebaute Wirklichkeit enthüllt. Entscheidungen des Stiftungsrates der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bedeuten aufgrund dessen Zusammensetzung immer, dass der Geldgeber für die baulichen Maßnahmen, der Bund und somit der Haushaltsausschuss des Bundestages, eingebunden sind. Immerhin geht es bei der Renovierung der Museumsinsel und ihrem Ausbau zu einem Museumskomplex des 21. Jahrhunderts um eine Summe, die bereits jetzt über die einst als Obergrenze genannten 1,5 Milliarden Euro hinausweist.

Der Masterplan meint mehr als die Sanierung der fünf einzelnen Museumsbauten: der Alten Nationalgalerie, die 2001 den Auftakt machte, dem Bodemuseum, das 2006 folgte, dem Neuen Museum, das nun seine Einweihung feiert, und dem Alten Museum sowie dem Pergamonmuseum, die weit ins kommende Jahrzehnt hinein Baustelle sein werden. Direkt vor der Rückseite des Neuen Museums, also der Front hin zum Gewässer des Kupfergrabens, beginnen bereits die Bauvorbereitungen für ein weiteres Vorhaben: das James-Simon-Galerie genannte Eingangsgebäude, den ersten und auch fürderhin einzigen Neubau auf der Insel seit dem Abschluss der Arbeiten am Pergamonmuseum im Jahr 1930.

Die James-Simon-Galerie ist das Herzstück des Masterplans. Sie ermöglicht einen zentralen Zugang zu vier der fünf Museen, die wie Perlen an einer Schnur vom Lustgarten bis auf die Nordspitze der Insel reichen. Diese vier Museen – die Alte Nationalgalerie bleibt ausgenommen – sollen durch eine „Archäologische Promenade“ erschlossen werden, einen unterirdischen Gang, von dem aus jedes der vier Häuser trockenen Fußes erreicht werden kann. Und mehr noch: Durch dieses Wegesystem ist ein Rundgang durch die Häuser möglich, mit der Besichtigung der jeweiligen Schwerpunkte.

Geplant wird die James-Simon-Galerie vom Architekten des Neuen Museums, dem Engländer David Chipperfield. Das liegt nahe, befindet sich doch das Eingangsgebäude unmittelbar vor der Rückseite des Neuen Museums und soll mit ihm eine architektonisch stimmige Einheit bilden. Gleichwohl hatte es intern erhebliche Auseinandersetzungen um den ersten Entwurf Chipperfields gegeben, der eher eine Reihe gestaffelter Kuben darstellte denn ein zusammenhängendes Bauwerk. Das ist in dem überarbeiteten – man könnte auch sagen: neukonzipierten – Entwurf anders. Denn nun nimmt Chipperfield das verbindende Element der Museumsinsel, die umlaufende Kolonnade, auf und schließt sein Bauwerk in diesen baulichen Rahmen ein. Die Kolonnade, die zugleich mit dem Neuen Museum in wesentlichen Teilen erstmals seit Kriegsende wiederhergestellt ist, hat im Bewusstsein der Museumsbesucher bislang keine Rolle gespielt. Sie macht den Grundgedanken der „Freistätte für Kunst und Wissenschaft“, die der preußische König Friedrich Wilhelm IV. zu Beginn seiner Regentschaft im Jahr 1841 für die Museumsinsel verfügte, sinnfällig.

David Chipperfield sieht für sein Eingangsgebäude ebenfalls eine Pfeilerkolonnade vor, die sich von der Bodestraße bis ans Pergamonmuseum erstrecken. Sie bergen oder besser verbergen die nötigen Serviceräume, zu denen auch ein Vortragssaal und eine Wechselausstellungsmöglichkeit gehören sollen. Hier wird der zentrale Eingang für Touristen und Gruppen sein, die das Terrain der Museumsinsel erkunden wollen.

In der Öffentlichkeit noch kaum gewürdigt ist ein weiteres Element des Masterplans: die Öffnung der Freiflächen zwischen den Museen. Wer hätte sich nicht schon über Parkplätze und Containerabstellflächen geärgert! Nach Entwurf der Landschaftsarchitekten Levin Monsigny wird eine Freiraumplanung verwirklicht, die individuelle Rundgänge ermöglichen wird. Denn jedes Museum behält seine Zugangsmöglichkeit, und niemandem wird es verwehrt sein, beispielsweise die Nofretete im Neuen Museum mit den Riemenschneiderskulpturen im Bodemuseum zu kombinieren.

Das wird der große Vorteil der Museumsinsel bleiben: dass sie 6000 Jahre Kultur- und Kunstgeschichte erlebbar macht, ohne den Besucher zu zwingen, mehr als einen Ausschnitt daraus wahrzunehmen. Die Museumsinsel wird ein Ensemble für die Massen ebenso wie Individualisten sein. Schon in vier Jahren, so hat es der Bundestag mit der außerplanmäßigen Bewilligung von 73 Millionen Euro für das Eingangsgebäude beschlossen, könnte die nächste große Neueröffnung gefeiert werden.

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