Musical „Fast normal“ am Renaissance-Theater : Wer spinnt hier eigentlich?

Depressionen, Elektroschocks und bunte Pillen: Das Berliner Renaissance-Theater bringt mit dem Musical "Fast normal" den Wahnsinn auf die Bühne.

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Das Musical „Next to Normal“ von Brian Yorkey (Libretto) und Tom Kitt (Musik), das 2009 seine Premiere am Broadway feierte, war ein waschechter Tabubruch. Es erzählte von einer Mutter, die an einer bipolaren Störung leidet und zeigte, welche Auswirkungen die Krankheit auf das Familienleben haben kann. Wie im Zeitraffer wurden hier die Symptome der psychischen Erkrankung, bei der sich depressive Episoden mit manischen Phasen abwechseln, durchdekliniert, gängige Therapieformen in Frage gestellt und die Nebenwirkungen von Medikamenten thematisiert. Aufklärung in Zeiten der Über-Pathologisierung. Ein Jahr später wurde das Stück mit dem Pulitzerpreis für Drama ausgezeichnet - eine seltene Ehre für ein Musical.

Die Initialzündung für "Next to Normal" lieferte damals eine Statistik, die besagte, ein hoher Prozentsatz weiblicher Patienten würden mit der umstrittenen Elektroschock-Therapie behandelt, die vor allem männliche Ärzte verschrieben hätten. Das führte in den USA unter anderem dazu, dass die Diskussionen um psychische Erkrankungen - und ihre Behandlung - wieder verstärkt aufgenommen wurden.

Die deutsche Adaption "Fast normal" (Titus Hoffmann) ist nun am Berliner Renaissance-Theater zu sehen. Der Blick auf die Seelenklempner-Zunft bleibt ein kritischer, doch kommt das Musical nicht ohne eine geballte Ladung von Pseudo-Binsen aus. Was im Amerikanischen vielleicht noch recht griffig klingen mag, verkommt auf Deutsch jedoch zu einem sehr argen Geschwurbel: „Fass den Entschluss, in dich hineinzuhören", fordert Arzt Nr. 2 seine Patientin auf, "Räum in dir auf und entfern allen Schmutz.“ Dass der „Rockstar“-Therapeut seine Einflüsterungen singt, macht es aber nicht besser.

"Fast normal" kommt als Musik-Therapie daher

„Fast normal“ besteht zu 90 Prozent aus Songs, die von knappen Dialogen unterbrochen werden. Es kommt also weniger als Gesprächstherapie daher, sondern vielmehr als musikalische Kur - die nicht anschlagen will. Für jede Stimmung wird sich hier um einen anderen Sound bemüht. Rock-, Pop-, Jazz- und Country-Schnipsel zerfließen zu einem faden Klangbrei, der einem schon bald auf die sowieso schon empfindlichen Nerven geht.

„Mein Arzt, die Psychopharmaka und ich“ besingt Katharine Mehrling als Protagonistin Diane Goodman ihre skurrile Menage à trois und wirft bunte Pillen wie Konfetti über die Bühne. So erfährt man später, dass Dianes Sohn Gabriel bereits als Baby starb. Den Verlust hat sie nie verwunden. Starke Depressionen sind die Folge und das tote Kind spukt weiter als Gespenst durch die Geschichte. Und während die vernachlässigte Tochter in den Drogenrausch abdriftet, beschwört Dianes Ehemann mantraartig: Alles wird gut.

Geht es Ihnen wirklich gut? Felix Martin in der Rolle des Dr. Fine und Katharine Mehrling als Diana Goodman.
Geht es Ihnen wirklich gut? Felix Martin in der Rolle des Dr. Fine und Katharine Mehrling als Diana Goodman.Foto: Eventpress Hoensch

Wer spinnt hier eigentlich?

Leider kann Mehrling, die man eigentlich als solide Sängerin und Darstellerin kennt, den Abend nicht retten. Und auch Felix Martin in seiner Doppelrolle als Dr. Fine und Dr. Madden liefert nicht mehr als blasse Karikaturen. Die übrigen Darsteller turnen derweil angestrengt über das Bühnengerüst und drücken emotional arg auf die Tube, nicht ohne am Ende mit einer Überdosis Pathos zu verkünden: „Es gibt ein Licht.“

Zwar stellt das Musical die Frage danach, wer hier eigentlich spinnt. Irgendwie will man sich ja auch gegen die "Tyrannei der Normalität" zur Wehr setzen. Doch überzeugen kann dieser Psycho-Crashkurs dabei nicht. Immerhin: Er bietet Stoff für die nächste Therapiesitzung.

Die nächsten Vorstellungen: 17. - 20.6., 20 Uhr, 21.6., 18 Uhr, 23. - 27.6., 20 Uhr

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