Musical : Wenn Lieder Lügen sind

Das Musical „Alexandra“ im Schlosspark-Theater erzählt von den Abgründen der Schlagerbranche. In der Hauptrolle überzeugt Jasmin Wagner

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Schlagersänger, so weiß das Klischee, sind die Knechte einer gnadenlosen Entertainmentindustrie. Statt wie die Singer-Songwriter der Rockwelt Songs zu singen , die aus ihrer Seele kommen, müssen sie Titel trällern, die ihre Plattenfirma zielgruppengenau für sie ausgesucht hat. Wenn sie Herz auf Schmerz reimen, ist darin immer auch der Schmerz dieser „Interpreten“ (Dieter Thomas Heck) über die entfremdete Arbeit zu spüren, die sie im gleißenden Licht der Scheinwerfer zu verrichten haben.

In jedem Klischee steckt ein Kern Wahrheit. Das musikalische Drama „Alexandra“, das jetzt im Berliner Schlosspark-Theater seine umjubelte Uraufführung feierte, verspricht im Untertitel, vom „Glück und Verhängnis eines Stars“ zu handeln, erzählt aber vor allem vom Verhängnis. Zum Verhängnis wurde der Sängerin, die schon mit 27 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, dass sie immer wieder an die falschen Männer geriet, an deutlich ältere Liebhaber, in denen sie einen Vaterersatz suchte, und an Produzenten und Manager, die in ihr keine Künstlerin, sondern bloß die Erfüllungsgehilfin sahen. „Ich möchte eine Sängerin sein, die etwas zu sagen hat“, verkündet die von Jasmin Wagner kongenial verkörperte Alexandra gleich zu Beginn. Doch zuhören wollte ihr in den späten sechziger Jahren, als die deutsche Musikindustrie trotz beginnender Studentenrevolte immer noch ein knallhartes Machogewerbe war, niemand.

Das von Adelheid Müther als musikalisch locker verknüpfte Nummernrevue inszenierte Stück ist neben dem biografischen Reigen auch ein Enthüllungsdrama. Ein Insider rechnet da mit den Schattenseiten seiner Branche ab. Autor Michael Kunze war, bevor er zum Musical-Schreiber mit Broadway-Erfolgen aufstieg, einer der profiliertesten deutschen Texter, der etwa für Udo Jürgens den Hit „Griechischer Wein“ lieferte. Für ihn ist Alexandra eine Rebellin. Bei einem Aushilfsjob leert sie im Streit den Mülleimer auf dem Schreibtisch ihres Chefs aus, einem Fotografen, der sie mit „putzig, die Kleine“ anonkelt, entgegnet sie: „Ich bin weder putzig noch klein“. Als sie nach „Schwarzer Balalaika“ und „Zigeunerjunge“ ein weiteres Stück aufnehmen soll, das sie auf die Rolle der slawisch raunenden Melancholikerin festlegt, zerknüllt sie das Textblatt und faucht „Kitsch!“.

Am Ende singt sie den Song dann doch, und „Sehnsucht“, dieses „alte Lied der Taiga“, wird wieder ein Hit. „Das Dumme an Träumen ist“, heißt es kalenderspruchartig in dem Stück, „dass sie manchmal wahr werden“. So beginnt die Sängerin, die eigentlich Doris Nefedov heißt, bald in der dritten Person über Alexandra zu reden, diese Erfindung ihres Managements. Auf einer Bühne, die mit ihren Stahlskulpturen an ein psychedelisches Pop-Art- Fernsehstudio erinnert, entfaltet sich die Tragödie einer Frau, die mit umgehängter Gitarre für ihre künstlerische Emanzipation kämpft.

„Ich bin nicht eure Puppe!“, fährt Alexandra ihre Entourage an und fängt an, eigene Verse zu schreiben. Zunächst floppt die Ballade „Illusionen“, für die Udo Jürgens die Musik komponiert hat. Doch dann steigt „Mein Freund der Baum“, diese Hymne der aufkommenden Umweltbewegung, zum Klassiker auf. In die politischen Scharmützel ihrer Zeit gerät die Sängerin eher aus Unbedarftheit. Sie lässt sich als erste westdeutsche Künstlerin nach dem Krieg bei einer Tour durch die Sowjetunion feiern und verkündet auf Druck ihres Managers demonstrativ ihre Abreise von einem Festival im polnischen Sopot, als die Panzer des Warschauer Pakts den Prager Frühling niederwalzen.

Zum Ereignis wird „Alexandra“ dank der Hauptdarstellerin. Jasmin Wagner, als „Blümchen“ selber einmal ein Tralala- Sternchen, kopiert ihr Vorbild nicht. Statt mit glühender Altstimme singt sie Alexandras Lieder mit strahlendem Sopran – und trifft damit genau den richtigen Ton. Im Finale ergeht sich das Stück vor einer Projektion des zerstörten Mercedes-Coupes der Sängerin in Verschwörungstheorien. Hatte der KGB seine Hand im Spiel? Oder die CIA? Warum kaufte Alexandra kurz vor dem Unfall ein Grab? Fest steht: An diesem Tag im Juli 1969 verlor Deutschland an einer Kreuzung bei Dithmarschen eine seiner größten Pop-Hoffnungen.

Wieder vom 26. bis 30. Oktober, 20 Uhr

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