Musik : Berliner Jazzfest begab sich auf Abwege

Der Jazz hat ein Problem. Ihm ist sein Gott abhanden gekommen. Beim Berliner Jazzfest herrschte impulsive Stimmung nur in spätnächtlichen Klubs. In den Festspielhallen wurden dagegen intellektuell überspannte Exkursionen unternommen.

Kai Müller
171646_0_ef9f3075 Foto: Walter Wetzler
Virtuos. Yamandú Costa. -Foto: Walter Wetzler

Ein kalter Wind zieht jetzt durch’s Haus, reißt auch den Wertekanon mit wie ein überflüssiges Mobiliar, dessen Nutzen niemand mehr erklären kann. So geht es mit allem, was alt wird. Und es nährt den Wunsch zu wissen, woran man eigentlich ist. Denn dass sich der Jazz im Stadium akuter Erosion befindet, sollte nicht heißen, dass er auch kein Spektakel mehr abgibt. Der Tod eines Gottes ist immer ein Drama.

Bei dem gestern Abend zu Ende gegangenen 43. Berliner Jazzfest, dem letzten Akt der fünfjährigen Regentschaft von Peter Schulze als künstlerischem Leiter, war von Dramatik wenig zu spüren. Während die ,heißen’, impulsiven und tobend-witzigen Bands in die spätnächtlichen Clubs verbannt waren, herrschte im Haus der Berliner Festspiele zumeist bleierne Schwere. „Meta-Musik“ nennt Schulze das disziplinierte, lyrisch-geschwungene Virtuosentum, das hier den Ton vorgibt. Oft erschließt sich nicht, warum ein Stück nun diese oder jene Wendung nimmt, was mit den abstrakten Spannungskurven bezweckt wird, die sich – auffallend oft – ohne Bindung an einen Beat als harmonische Geisterbahnfahrt entwickeln. Immerhin: Es formuliert sein eigenes musikalisches Gesetz, so dass man Schulze zumindest für seinen Spürsinn dankbar sein muss, dem Einzigartigen den Vortritt vor dem Profanen gelassen zu haben. Aber Spaß macht das nicht. Jazz wird zur intellektuell-überspannten Exkursion.

So avancieren zu den Helden des Festivals immer mehr die Außenseiter – akustische Gitarren, Streicher und Instrumente, die auch der Asservatenkammer eines ethnologischen Museums entstammen könnten. Den Höhepunkt bildet zweifellos das algerische 43-köpfige El Gusto Ensemble, dessen betagte Mitglieder mit einem ganzen Arsenal an altertümlichen Mandolen, Mandolinen, Banjos und Kniegeigen, Darboukas und einem Qanun angereist kamen. Seine feinziselierten Arabesken haben mit Jazz nichts zu tun. Und auch der hingebungsvolle Stolz wirkt befremdlich, mit dem sie ihren durch Vertreibung und Exil konservierten maghrebinischen Blues gegen Neuerungen verteidigen. Der Chaabi soll klingen wie vor fünfzig Jahren.

Glücklicherweise soll das der Choro nicht, jene brasilianische Volksmusik, die das Trio Madeira Brazil aus ihrem Traditionskorsett befreit. Tanzlieder und Gassenhauer werden von den Saitenvirtuosen so kunstvoll vorgetragen, dass sie zum konzertanten Ereignis werden. Allerdings geht auch ein Aderlass damit einher, die zaghaften Tanzschritte des Gasttrompeters Silvério Pontes deuten es an. Das Vergnügen, die Ausgelassenheit und Lebensfreude wird sublimiert und bricht sich höchstens als fingerfertiges Trommelfeuer Bahn. Atemberaubend, wie Gitarrist Yamandú Costa das Alte mit rasenden Läufen durchlöchert.

Darf man das Jazz nennen? Und was bringen solche Abgrenzungsversuche überhaupt? Das fragt man sich auch, als Loy Ehrlich vom französischen Hadouk Trio auf etwas eindrischt, das wie die Bassgitarre eines Neandertalers aussieht. Ein Bambusrohr steckt in einem mit Fell bespannten Hohlkörper, es schrammelt und gurgelt. Sein Percussion-Kollege Steve Shehan bearbeitet derweil einen „Doppelwok“, eine mysteriöse Metallkuppel, die zauberhafte Melodien und Zweiklänge ins rhythmisch dahingeschnalzte Geplingel streut. Das Trio, zu dem noch der Duduk-Spieler Didier Malherbe zählt, wandelt ebenfalls auf ethnologischem Terrain und steht beispielhaft dafür, wie exotische Folklorismen der improvisierten Musik neue Klangräume erschließen. Wobei die Bruchlinien bei dieser Formation verschwunden sind, die sie als westliche Musiker von armenischen oder noch ferneren Kulturkeisen trennen. Die Verschmelzung ist glücklich vollzogen.

Bands wie das Hadouk Trio machen den Paradigmenwechsel spürbar, der die afro-amerikanische Dominanz im Jazz abgeschmolzen hat. Ein Klimawandel vollzieht sich auch hier, da Jazz kein Gefühl mehr ist, nichts, was man mit Timing, Groove oder einer bestimmten Phrasierung verbinden würde, sondern eine Behauptung: Es wird ein bisschen improvisiert – hey, Jazz! Die Improvisation des Einzelnen und das Arrangement des Kollektivs stehen nicht mehr in einem Spannungsverhältnis. Der Solist will die Form nicht mehr sprengen. Sein Alleingang ist integrativ, Teil eines Puzzels. Und eigentlich hören wir Neue Musik.

Denn da sitzt der amerikanische Lärm- Pionier Wayne Horvitz, der für seine Exzessiven Noise-Orgien berühmt wurde, an seinem Klavier und ist leise. Sein Quartett, bestehend aus Cello, Fagott, Trompete und ihm selbst am Piano, vertieft sich in kammermusikalische Miniaturen. Melodien klingen an, verwehen, zerfallen zu Stille. Man gerät ins Grübeln angesichts dieses Minimalismus, der sich das Instrumentarium der europäischen Klassik einverleibt und das Vokabular des Jazz seinem strengen Regime unterwirft. So ähnlich ergeht es auch den Solisten von Michael Mantlers „Concertos“-Projekt. Das Solo ist von auskomponierten Passagen nicht mehr zu unterscheiden, mangels Vitalität. Aber auch, weil die Partitur selbst wildwuchernd ist. Diese Musik ist nur noch für den Kopf gemacht – und so erhebend sie auch sein mag, man verspürt eine gewisse Trauer darüber, dass die stärksten Momente des Jazzfests sich nicht der Spontaneität verdanken.

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