Kultur : Musik in Berlin: Alte Weisen

Uwe Friedrich

Angenehm kontrolliert ist der Klang des Baltimore Symphony Orchestra, nicht ganz so auf Brillanz getrimmt wie man es von amerikanischen Orchestern gewohnt ist. Dunkel schimmernd die Streicher, mit präziser Attacke die Bläser. Mit Kernwerken des deutschen Repertoires, Beethovens "Eroica" und dem Brahms-Violinkonzert, trauten sich Ostküsten-Musiker nun in die Philharmonie und bestanden makellos. Dass weder Rhythmus- noch Lagenwechsel dem Violinisten Nikolaj Snaider irgendetwas ausmachen würden, durfte man von einem der bedeutendsten Nachwuchsgeiger wohl erwarten. Reines Virtuosengeklingel ist Snaider glücklicherweise ebenso fremd wie musikalische Selbstverwirklichung.

So wird die Kommunikation zwischen Orchester und Solist, zwischen Orchester und Dirigent (Yuri Temirkanov) nicht nur sichtbar, sondern unmittelbar sinnlich spürbar. Der Solist ist untrennbar verwoben mit dem symphonischen Geflecht, ohne sich darin zu verlieren. Temirkanov wiederum behält immer die Kontrolle über das Geschehen, lässt sich nie zur Selbstdarstellung verführen und macht gleichwohl vor, wie ein Dirigent selbstlos im Dienst der Komposition steht. Er lässt die dunklen Farben aufblühen und versinken, ohne dass sich die Musik in Klischees des tiefgründigen Romantikers verliert.

Auch die "Eroica" wird mit derselben Fürsorge behandelt. Der Klassiker wird nicht zum Vorläufer Mahlers getrimmt oder zum Nachklapp Haydns verkleinert. Beethovens dritte Symphonie wird einfach als das genommen, was sie ist, nämlich ein Gipfelwerk der Wiener Klassik aus eigenem Recht. Dabei erlaubt Temirkanov sich keine Manierismen, keine "Neuerungen" als Originalitätssucht. Er entwickelt die Symphonie mit großem Formbewusstsein, hält die Blöcke präzise zusammen, so dass die unkonventionellen Neuerungen Beethovens auch nach Jahrhunderten noch verblüffen. Ein rundum schönes Konzert, gerade weil alle Beteiligten in "altmodischer" Weise und völlig unprätentiös auf Qualität setzen.

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