Kultur : Musik in Berlin: Dürfen die das überhaupt?

Uwe Friedrich

Nach seiner Höllenfahrt löffelt Don Giovanni kalte Tomatensuppe, sechs Menschen singen dazu Vokalisen bei unbestimmbarer Orchesterbegleitung. So wird der Wüstling bestraft in "essen & sterben", einer Bearbeitung von Mozarts "Don Giovanni" an der Neuköllner Oper. Aber vielleicht ist der notorische Verführer (Hagen Matzeit) auch noch gar nicht in der Hölle und wartet nur darauf, dass es weitergeht in der Handlung - oder in dem, was Armin Pommeranz, Lorenz Aggermann und David Hermann davon übrig ließen. Die drei nehmen den Mythos als Steinbruch, aus dem sie Stückchen brechen. Allerdings nur aus dem ersten Akt, in dem die Personen vorgestellt, die Beziehungen entfaltet werden. Damit halten sich die Bearbeiter jedoch nicht weiter auf, sie setzen Giovanni, Leporello (Klaus Reiher), Anna (Barbara Rozenkiewicz) und Elvira (Tanja Klein) als bekannt voraus, stellen sie als Abziehbilder auf die Bühne. Don Giovanni sitzt auf einem Sessel vorne rechts und schaut ins Publikum, die anderen Personen umkreisen ein großes Bett in der Bühnenmitte oder stehen wie Ottavio (Stefan Knispel) in der Ecke. Das ist schnell langweilig, zwischen den Personen passiert nichts. Die Botschaft lautet: Das Leben ist langweilig. Die Gesellschaft braucht Don Giovanni als ihr Feindbild. Ohne Don Giovanni ist es noch langweiliger.

Diese unoriginelle Einsicht wird mit den wohlfeilen Gesten eines abgenutzten Regietheaters bebildert. Im leicht schmuddeligen Einheitsraum von Bettina Bender hält mal eine Sängerin die Hände ausgestreckt vor dem Gesicht als wäre sie einem Robert-Wilson-Stück entsprungen, dann bewegt sich ein Paar rätselhaft, als handele es sich um eine Ruth-Berghaus-Gedächtnisveranstaltung. Sexuelle Verfremdungseffekte wie beim anwesenden Altmeister Hans Neuenfels abgeschaut, doch ohne dessen nie erlahmende Wut. Klar, eine Geschichte muss nicht stringent erzählt werden. Aber suggestiver könnte das Ergebnis sein.

Auch Mozarts Musik wurde stark bearbeitet, mit einer Technik, die Andrew Lloyd Webber an Puccinis Melodien zur Perfektion geführt hat: Eine unkaputtbare Melodie wird schlicht mit neuen Begleitfloskeln unterlegt. Giovannis Gitarrenserenade kriegt die schmeichelnden Klarinettenformeln eines Wiener Walzers verpasst. Zwischendurch, wenn alle bedeutungsschwanger herumstehen und -gehen, erklingen drohende Cluster oder dringliche Streicherflageoletts wie in einem Horrorfilm. Dürfen die das überhaupt? Die Musik von unserem göttlichen Wolferl so von der Seite anrempeln? Gerade "Don Giovanni", den doch schon E.T.A. Hoffmann seinerzeit für perfekt hielt? Natürlich, je unverschämter und gewitzter sich die Bearbeiter dem Stück gegenüber verhalten, um so spannender kann das neue Musiktheater werden. Aber gerade am Witz mangelt es diesem Abend.

Es wurde auch gesungen.

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