Kultur : Musik in Berlin: Echt stark

Jens Luckwaldt

Ein siegreicher Held, verstrickt in ein Liebesdreieck mit seiner eifersüchtigen Gattin und einer jungen Gefangenen: Wenn das kein Stoff für die Bühne ist! Händels selten gespieltes, mit kompositorischen Kühnheiten gespicktes Oratorium "Hercules" tendiert zur Oper. Doch das Drama, als das Händel selbst sein Werk bezeichnete, spielt sich fast ausschließlich im Inneren der Figuren ab, rein musikalisch, nicht in einem Bühnengeschehen. Das "zeitfenster"-Festival hatte mit "Hercules" einen starken Schlusspunkt gewählt und sich, im wenig theatertauglichen großen Konzerthaus-Saal, am Scheideweg der musikalischen Gattungen zum Kompromiss einer halbszenischen Aufführung entschlossen.

Ein sinnigerweise dreieckiger Laufsteg um und quer durch die klein besetzte Akademie für Alte Musik Berlin ist die Spielfläche. Was das Inszenierungsteam sich hat einfallen lassen, ist gefällig und stört nicht: Lichtwechsel, Gänge, Hantieren mit Mänteln und verschiedenfarbigen Handschuhen. Eine eigene Bedeutungsebene oder ein genaueres Werkverständnis wird nicht erreicht. Da hätte es mancher bei der unbarmherzigen Akustik sinnvoller gefunden, wenn auf der großen Projektionswand im Hintergrund statt Flugsimulation, Wolkengebräu und Feuersbrunst die Arientexte zu sehen gewesen wären.

Jean Rigby gab ein eher zurückhaltendes, warm getöntes Porträt der eifersüchtigen Dejanira und gestaltete deren extreme Gemütsschwankungen bewundernswert sicher. Im Wettstreit der Rivalinnen siegte dennoch Karina Gauvin als Iole, die in Spiel und Gesang rauer, aber auch intensiver wirkte und auf jeder Koloratur noch Platz für Emotion fand. So wie auch Marcus Creed mit seinem Dirigat alle Beteiligten zu klangsprachlicher Prägnanz animierte. Eindringlich interpretierte der RIAS-Kammerchor seine wenigen Nummern - und agierte sonst als stummer Zeuge der Handlung. Einen so kraftvollen "Hercules" möchte man gerne öfter erleben - ob nun als Oper oder als Oratorium.

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