Kultur : Musik in Berlin: Für fühlende Wesen

Volker Michael

Ob Fliege, Katze, Mensch - sie alle sind genetisch einander ähnlich. Ob sie aber heutige Musik gleich oder verschiedenartig wahrnehmen, darum ging es im Biennale-Beitrag der Jungen Deutschen Philharmonie im Konzerthaus. Am Donnerstag brachte das Nachwuchsorchester zwei Werke junger Komponisten zur Uraufführung und stellte ihnen den "Hymnos" des Italieners Giacinto Scelsi und die "Tenebrae" des Schweizers Klaus Huber zur Seite. Aus Erkenntnissen der Naturwissenschaft leiten mehrere Biennale-Komponisten Prinzipien ab, die ihnen beim Aneinanderfügen der Töne Hilfe leisten.

Die bereits bei der letzten Biennale erfolgreiche Misato Mochizuki wählte diesmal ein musikfremdes Ordnungsthema, die Genetik. Mit dieser Art Formgebung könne sie am Weltgeschehen teilnehmen, meint Mochizuki. "Homeobox" ist im gewissen Sinne ein Konzert für Violine, Klavier und Orchester, weil es die biologischen Energien in musikalischer Form zwischen den Soloinstrumenten und dem Klangkollektiv zirkulieren lässt. Die durchaus identifizierbare Rhythmen schichten sich bisweilen so übereinander, dass ein Dampfross-Eindruck entsteht. Der Orchesterapparat ist permanent in Bewegung. Mochizukis beeindruckende Phantasie bei der Klangerfindung reicht von stillem Saitenzirpen über einprägsame Beats bis zu "Sacre"-hafter Urwüchsigkeit.

Die größte Frage des Abends, die alle vier Stücke aufwarfen: Was hält sie im Innern zusammen? Genügt dafür die Arbeit mit einem zentralen Ton wie bei Scelsi? Eine ernste Selbstbescheidung wie bei Huber, der seine Charakterstudien über die Finsternis erst am Ende fugenartig zum Zerbersten führt? Oder die monolithischen Akkorde, Rhythmen und Terrassenklänge von Fredrik Zellers "Schrödingers Katze"?

Der Dirigent Roland Kluttig näherte sich den so unterschiedlichen Werken mit fein fühlender Akkuratesse. Technische Probleme übertönten die Musiker mit ihrem offenherzigen Engagement für die neuen Stücke, von denen keines leichtfertig Begeisterung auslöste. Denn trotz einer fühlbaren Rückkehr zur Emotionalität bleiben doch Zeller und Mochizuki einer rationalen Komponierweise verpflichtet. Damit kommentieren sie die rasante Entwicklung der Wissenschaften. Ihre Musik bleibt den lebenden, fühlenden Wesen vorbehalten.

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