Kultur : Musik in Berlin: Nachtwandler

Eckart Schwinger

Es war deutlich zu spüren, dass sich das Vermeer Quartett besonders intensiv mit der zeitgenössischen europäischen Musik beschäftigt. Mit dem bis zum Äußersten reduzierten Material von Kurtág ging es ebenso nachtwandlerisch sicher um wie mit Schubert oder Smetana. Dabei beeindruckten das innere Engagement und die ausgereifte Klanggestaltung, mit der die vier in Chicago ansässigen Streicher im Kammermusiksaal der Philharmonie hervortraten.

György Kurtág brachten sie in der Tat ein schönes, nachträgliches Geburtstagsgeschenk zum "75." mit seinem zweiten Streichquartett, der Hommage à Mihály András. Das sind jene 12 Mikroludien op. 13 (1977/78), in denen die ganze verdichtete Ausdruckswelt Kurtágs in rätselhaft verschlungener Weise aufblitzt. Die scheue, atmosphärisch reiche, nur gelegentlich etwas ungarisch rasant eingefärbte Musik in Webern-Nähe reihte ein hintergründiges und wundersam zartes Minidrama ans andere.

Auch bei Franz Schuberts frühem B-Dur-Streichquartett nahmen die schmerzlich klare Klangschönheit, die fabelhafte Homogenität, die geradezu rigorose Detailbesessenheit gefangen. Einzig das Zelebrieren der Stimmen in den beiden offenliegenden, ersten Haydn-Sätzen trübte die Freude ein wenig. Um so mehr kosteten die Musiker den saftigen melodischen Zauber in Smetanas e-Moll-Quartett aus, ohne die dramatische Stringenz, die dem autobiografischen Werk eignet, je aus den Augen zu verlieren. Sicherlich sangen sich alle Vier auch mal selig aus, tanzten mal richtig Polka. Aber immer gab ein geistvoll geschliffener Stil den Ton an.

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