Kultur : Musik in Berlin: Reagenzglassturm

Ulrich Amling

Auf die Wucht folgte der Sturm. Nachdem Myung-Whun Chung den Taktstock hatte sinken lassen, brach aus dem Philharmoniker-Publikum ein Donnern von Applaus und Buh-Rufen hervor. Reaktionen, so extrem wie die Interpretation von Gustav Mahlers erster Sinfonie durch den Ex-Chef der Pariser Bastille-Oper. Der koreanische Dirigent verwandelte das zwischen Naturlauten und Schicksalsschlägen schwankende Werk in eine hochartifizielle Kristallmusik. Schon der liegende Flageolett-Ton des Beginns lockt die Hörer nicht in den Wald, "wo das Sonnenlicht des sommerlichen Tages durch die Zweige zittert und flimmert", wie Mahler sich das dachte. Chung lässt eine abweisende Welt erstehen, einen kalten Planeten. Über seine Oberfläche wirbeln Holografien von Mendelssohns Elfenreigen, hallen Echos böhmischer Musikanten wieder, ruckelt der halbverschmolzene Schwarzweißfilm einer Beerdigung auf dem Lande. Und zwischenzeitlich sinkt alles wieder in Kälte und Agonie zurück. Diese konsequente Ausdehnung der Mahlerschen Raumkonzeption bietet exquisite Ausblicke auf die kommenden Werke des Komponisten - die kollabierende Musikmaterie der dritten, das der Zeit entrückte Adagietto der fünften Symphonie. Nur Gegenwart kennt Chungs Sicht nicht. Ihr unendliches Verlangsamen nagt hörbar an den Nerven der philharmonischen Trompeter. Eine bizarre Reagenzglasgeburt, die fasziniert und abstößt zugleich. Wenig kontrovers fiel die Deutung von Hans Werner Henzes achter Symphonie aus. Die gepflegte Kunstmusik nach Shakespeares "Sommernachtstraum", die vor den Schrecken des Lustspiels die Augen verschließt, verweht in purzelndem Parlando.

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